Gewalt ja, nein, vielleicht?

Eine (neue) Gewalt-Debatte ist so nötig wie eh und je, doch es gibt einen (wieder) zunehmenden Bedarf für eine solche Debatte. „Demokratie – langweilig wird sie nie“, sang Andreas Dorau 1988. Aber genau das droht sie zu werden, Vielen ist sie’s schon längst – und eigentlich leben wir ja sowieso nicht in einer Demokratie, sondern nur in einer Repräsentation von Mehrheitsinteressen, die aber in einem Zeitalter fast ungebremster Macht von Kapitalinteressen – über Politik, Wirtschaft, Konsum, Kultur und Medien – wohl eher als fremd- denn als selbstgelenkt angesehen werden müssen.

Vehemenz der OstprinzessinVehemenz der OstprinzessinVehemenz der OstprinzessinVehemenz der OstprinzessinVehemenz der OstprinzessinVehemenz der Ostprinzessin

Gewalt ja! Gewalt haben wir (oder eben nicht) – die Gewalt über unser Leben, über unser Handeln, über unsere Träume. Oder haben wir sie verloren – vielleicht auch nie gehabt? Aber: Wir streben nach dieser Gewalt.

Wer in unserem Namen Gewalt ausüben will, der muss mit unserer Gewalt rechnen – mit unserer Gewalt über uns. Gewalt über sich zu haben, bedeutet auch die bewusste Entscheidung für oder gegen eine Sache – eine Entscheidung des freien Willens (Selbstgewalt). Ich will das an einem Beispiel verdeutlichen: In Afghanistan werden Militäreinheiten eingesetzt, die dort in unserem Namen Politik durchsetzen. Gefragt hat uns niemand – niemand hat gefragt, ob wir in einem sog. Staat zusammengefasst sein wollen, niemand hat gefragt, ob wir unter dieser Zwangszusammenfassung die von den Zwangszusammenfassungsorganen getroffenen Entscheidungen mittragen wollen. Wir haben sie einfach schweigend mitzutragen. Wer allzu munter aus dem staatlichen Kollektiv tanzt, der riskiert nicht nur seine „bürgerlichen Rechte“, nein, der kann auch damit rechnen, dass er seine Menschenrechte einbüßt. Im nebeligen Übergang der Menschenrechte in die „Bürgerrechte“ befindet sich ein übergreifender Zwischenraum, in dem schlichtweg der Gewalt-Stärkere bestimmt – nicht der, der mehr Gewalt über sich selbst hat, sondern der, der mehr Gewalt über Andere hat. Diese Bestimmung über Andere ist gerade in diesem Zwischenraum eine Fremdbestimmung besonders übler Natur, weil sie nur über Gewalttätigkeit (staatl. Repression durch entsprechende Aktivierung von Behörden, Polizei, BKA, Geheimdienst, Militär etc.) aufrecht zu erhalten ist, vor Allem aber deshalb, weil sie den Unterschied zwischen „meiner Meinung“ und einer „Zwangskollektiv-Meinung“ zu verwischen bzw. zu unterbinden versucht. Dies ist zwar ein aussichtsloses Unterfangen, dennoch erzeugt dieser Unterbindungsversuch (Gegen-) Gewalt.

Ich will hier gleich sagen: Der Einwand, dass es in einer „Demokratie“ immer möglich sei, eine abweichende Meinung zu artikulieren, wird erstens durch immer (neue) Erfindungen zur direkten Unterdrückung eben dieser (Demonstrationseinschränkungen, willkürliche und repressive Ermittlungsverfahren, Verhaftungen, politische Justiz), zur Nicht-Verbreitung (Stichwort Medien-Gleichschaltung) und zur Negierung (Forderung der Akzeptanz einer Mehrheitsentscheidung) widerlegt und ist zweitens für die unterlegene Minderheit irrelevant, weil das „demokratische“ Ergebnis insofern unbefriedigend ausfällt, als dass es die Minderheitsmeinung zu absorbieren versucht. Daher ist es von je her so, dass eine kluge (Selbst-) Lenkung einer tatsächlichen Demokratie (oder auch einer „Demokratie“) darin besteht, die Minderheitsinteressen ausreichend zu berücksichtigen. Genau dies aber ist nicht der Fall und lässt sich auf nahezu alle Bereiche der Politik beziehen. Die in eine solche Lage geratende Minderheit (Einzelne oder eine Minderheiten-Masse) steht vor zwei besonders großen Herausforderungen: Zum Einen muss sie ihre Selbstgewalt unter widrigsten Bedingungen zu erhalten versuchen, zum Anderen muss sie nun einen anderen Weg finden – wiederum unter widrigsten Bedingungen – ihre Interessen zu artikulieren und zudem die verwehrte Einbeziehung ihrer Interessen zu kompensieren versuchen.

Welche Möglichkeiten bestehen? Die – systemisch gewollte, (a) über zuckrigen Kapitalismus und (b) über „soziale Zuckerli“ geförderte oder geschaffene – weitverbreitete Lethargie einmal außen vorgelassen, besteht zum Einen die Möglichkeit des sog. Rückzugs ins Private und zum Anderen ein offensiver, öffentlich wahrnehmbarer Kampf. Dieser Kampf wiederum hat viele Facetten. Während Kusine Kampf Gewaltaktionen gegen (das System repräsentierende) Sachen und Neffe Gewalt Gewaltaktionen bevorzugt, die dem Zivilen Ungehorsam zugerechnet werden können, wählen – parallel oder stattdessen – Tante Gewalt die wort- und rechtspolitische Aktion (Journalismus, Volksbegehren, Bürgerbegehren, juristische Auseinandersetzungen) und Vetter Gewalt den sog. Marsch durch die Institutionen (diverse Beispiele…), der sich zum Teil als erfolgreich (gesellschaftsrechtliche Liberalisierungstendenzen) zeigt, zum Teil als zähes, aber erfolgloses Streiten (diverse frustrierte Funktionsträger in den diversen staatlichen und außerstaatlichen Institutionen) erweist und sich zum Teil als Verrat und Wendehalspolitik entpuppt (unzählige Beispiele à la Joschka Fischer). Auch die mehr oder minder verstoßene Tochter Gewalt soll nicht verschwiegen werden: Ihr Handeln sieht auch Gewalt gegen Menschen (das System repräsentierende und/oder Kollateralschäden, also unschuldige Opfer, die in Kauf genommen werden) vor (siehe z. B. Teile der RAF).

Gewalt bietet also ein vielschichtiges Panorama. Gewalt erzeugt Gegengewalt, heißt es. Das ist zweifelsohne wahr und funktioniert in beiderlei Richtung. Im Sinne eines Widerstandes gegen die Fremdbestimmung meines eigenen Willens (z. B. über kapitalistische Konsummechanismen) und die „Auch-in-deinem-Namen-Politik“ des Zwangskollektivs soll und muss diese Aussage wahr sein und Gegengewalt wahr werden!

Gewalt bedeutet nicht Militanz. Militanz selbst kennt – wie beschrieben – ebenso Unterscheidungen in Gewalt gegen Sachen und Gewalt gegen Menschen. Für Einige ist bereits die erstgenannte Form der Militanz untragbar, für Andere eine notwendige Konsequenz. Wer aber Militanz verabscheuen will, sollte zumindest eine Vorstellung davon haben, wie die Alternativen dazu aussehen. Einige habe ich bereits genannt. Mir selbst fielen zunächst ein: Im Bildungswesen aktiv werden, direktdemokratische Mittel anwenden (Volksbegehren, Bürgerbegehren), alternative Netzwerke und Ökonomien aufbauen, Proteste und Zivilen Ungehorsam ausweiten. In diesen Bereichen ist unendlich viel zu tun.

Manchen erscheint diese Unendlichkeit als so erschreckend unendlich, dass sie ein Ende mit Schrecken bevorzugen. Ob das dazugehörige Sprichwort auch dann wahr – wenn überhaupt passend – ist, wenn es um die Frage der einen oder anderen Militanz (-Aktion) geht, wird wohl ehrlicherweise niemals jemand zweifelsfrei mit Ja oder Nein beantworten können. Daher: Vielleicht.

Im Bezug auf die zuvor beschriebenen Alternativen steht für mich aber zweifelsfrei fest: Gewalt ja!

0 Antworten auf „Gewalt ja, nein, vielleicht?“

  1. Das mit der Gewalt beschreibst Du meiner Meinung nach zu schwarz/weiß, aber da werden wir kaum zueinander finden.

    „Demokratie“ allerdings hat nicht Beuys 1982 sondern Dorau 1988 gesungen.

  2. OP, es gibt sogar noch mehr Mechanismen, abweichenden Meinungen zu begegnen, als nur „Unterdrückung“, „Nicht-Verbreitung“ und „Negierung“. Manche davon sind sehr subtil. Beliebt ist z. B. die Methode, sie einfach ins Leere laufen zu lassen oder sie in einer gezielt hergestellten Flut völlig irrelevanter Meinungsäußerungen untergehen zu lassen. Neil Postman hat das, glaube ich, in seinem Buch „Wir amüsieren uns to Tode – Urteilsbildung im Zeitalter der Unterhaltungsindustrie“ sehr gut beschrieben. In Talk-Shows kann man das auch sehr schön beobachten. Man macht einfach so lange immer neue Fässer auf, bis alles irgendwie irrelevant erscheint und eventuelle wichtige aber ungeliebte Meinungsäußerungen wieder vergessen sind.

    Was Du über die Minderheiten-Interessen schreibst, ist sehr richtig. Ich habe noch in der Schule gelernt, der Minderheitenschutz sei eines der Kernmerkmale unserer parlamentarischen Demokratie. Heute ist er praktisch nicht mehr existent. Die Demokratie ist zu einer Diktatur der Mehrheit geworden, unter die sich Minderheiten bedingungslos unterzuordnen haben. Ein Beispiel von vielen: da die Mehrheit autofahren will, müssen alle den Autoterror hinnehmen, obwohl hier elementare Grundrechte wie das Recht auf körperliche Unversehrtheit betroffen sind.

  3. @stralau

    Zunächst vielen Dank für die Korrektur! Das Lied sang tatsächlich Andreas Dorau im Jahr 1988; Beuys hingegen sang 1982 „Sonne statt Reagan“. Ein Blick in das Palast-CD-Archiv hätte gereicht… – O.: „Ich werde das zuständige Personal auswechseln müssen!“

    Im Weiteren: Da die Kritik der Schwarz-Weiß-Malerei bislang nicht erläutert wird, kann sie nur allgemein beantwortet werden. O.: „Nach erneut reiflicher Überlegung komme ich somit zu dem Schluss, dass im Artikel ein buntes Bild der Realität gemalt wurde, welches auch die Farben Schwarz und Weiß beinhaltet – und das, wie ich meine, bewusst und gerechtfertigt.“

  4. Ich bleibe dabei: Gewaltfreier Protest ist die größte Gewalt. Gewaltfreier Protest macht den Staat hilflos und entzieht ihm die Grundlage für gewaltsame Repression.

    Was sind Mehrheits-, was sind Minderheiteninteressen, und wie wägt man sie gegeneinander ab? Ich würde eher von „individuellen Rechten“ sprechen, das sind automatisch immer Interessen auch der Mehrheit (genauer gesagt: aller). Gleichzeitig bin ich gegen Sonderrechte. Wozu Sonderrechte, wenn bestimmte Rechte ALLEN garantiert würden.

  5. Etwas ähnliches habe ich schon einmal auf einem „linken“ Blog gepostet. Dort wurde mein Kommentar übrigens zensiert – er ist nie erschienen. (Dennoch werde ich den Blog hier nicht „outen“.

    Die Nähe der Linken zu den Rechten macht mir manchmal Angst.
    Wobei ich dies nicht der Ostprinzessin oder den hier kommentierenden anlasten wollte. Ich wollte es nur mal los werden.

  6. @ N. Stawrogin:
    Es gibt nichts Demokratischeres als unsere Medien (solange sie nicht zensiert werden).

    Die Menschen entscheiden jeden Tag per Fernbedienung. Sozusagen tägliche Volksabstimmung.
    Gleiches gilt fürs Internet – Menschen klicken dahin, wo sie hinklicken wollen.

    @Ostprinzessin:
    Was „Bildung“ und „zivilen Ungehorsam“ betrifft, bin ich bei dir.
    Frage ist, was man mit den Ungebildeten macht, wenn man sofort was verändern wollte. Gewaltfrei.
    Werde versuchen, in meinem Blog dazu zu posten. Unter dem Motto: „Märchen machen“.

  7. Nun mag es sein, dass „abweichende“ Meinungen tatsächlich in der einen oder anderen Weise in der BRD nicht artikuliert werden können. Die effizienteste Art, eine „abweichende Meinung“ (abweichend von was?) zu unterdrücken ist, sie zu ignorieren. Dies passiert tatsächlich mit vielen Meinungen von irgendwelchen Minderheiten oder Individuen und reicht von politischen Gegenentwürfen bis hin zum Sommerwetter.

    Die von der Ostprinzessin genannten Maßnahmen der „direkten Unterdrückung“ allerdings sehe ich in diesem Text etwas zu sehr hervorgehoben, da mir eigentlich nur ganz wenige Fälle bekannt sind, bei denen siche besagte Maßnahmen tatsächlich auf irgendwelche „abweichende“ Meinungsäußerungen bezogen, sondern sich vielmehr auf irgendwelche mutmaßlichen Verstöße gegen irgendwelche Strafgesetzbuchparagraphen stützten. Ob das nun legal oder legitim ist oder nicht, kommt auf den Einzelfall an. Zum Beispiel wird eine Demonstration in den seltensten Fällen wegen „abweichender Meinung“ verboten, verlegt oder zusammengehauen – vielmehr greifen hier angeblich begangene Straftaten wie Vermummung, Steine schmeißen etc. Und diese Maßnahmen richten sich dann erfahrungsgemäß gegen (viele) Einzelne, nicht gegen irgendeine Minderheit an sich.

    Interessanterweise kenne ich nur Fälle von rechtsradikalen Demonstrationen oder Aktionen die auf Grund ihrer „abweichenden“ Meinungsartikulation ganz verboten wurden. Gönnen wir den Nazis eigentlich ihre „abweichende“ Meinung auch?

  8. „Es gibt nichts Demokratischeres als unsere Medien (solange sie nicht zensiert werden).“

    „Die Menschen entscheiden jeden Tag per Fernbedienung. Sozusagen tägliche Volksabstimmung.“

    Das halte ich – mit Verlaub gesagt – für eine sehr naive Sicht der Dinge.

    Zunächst einmal: Zensur war gestern. Heute ist sie nicht mehr nötig, da sehr viel subtilere Methoden zur Verfügung stehen. Und viel erfolgreichere, wie man daran erkennen kann, wie wenig sie wahrgenommen werden. Die meisten haben mit Geld zu tun. Du solltest wirklich das Buch von Postman einmal lesen, da wird das beschrieben.

    Zweitens: Die Medien gehören überwiegend wenigen international operierenden Konzernen, die sie benutzen, um Meinung zu machen.

    Andererseits unterwerfen sie sich einer Art Selbstzensur, der „Zensur der Quote“. (Das ist das, was Du als „tägliche Volksabstimmung“ bezeichnest.)

    Wenn Du schreibst, die Medien seien „demokratisch“, dann siehst Du nur den zweiten Aspekt, aber nicht den ersten.

    Tatsächlich gibt es aber eine Wechselwirkung zwischen Medien und Rezipienten, also einerseits den Wunsch, dem Rezipienten zu Willen zu sein (aus materiellen Gründen) und andererseits, ihn zu beeinflussen. Der Idealzustand ist aus Mediensicht dann erreicht, wenn man den Rezipienten dahingehend beeinflußt hat, daß er glaubt, das zu wollen, was man ihm geben will.

    Es sind also zwei unterschiedliche Kräfte am Werk, die, je nach verfolgter Strategie, zu einer Abwärts- oder Aufwärtsspirale führen können, was das geistige Niveau der Bevölkerung anbelangt.

    Die eine Strategie wurde in der Bundesrepublik und den meisten anderen europäischen Ländern in den ersten Jahrzehnten nach dem zweiten Weltkrieg (am längsten in Schweden) von den öffentlich-rechtlichen Rundfunk- und Fernsehanstalten verfolgt. Die hatten damals einen „Bildungsauftrag“. Tatsächlich kann jeder, der etwa das damalige Fernsehen kennt, bestätigen, daß es anspruchsvoller, kritischer und objektiver als heute war (obwohl selbst damals Leute wie Alexander Kluge dem Fernsehen Volksverdummung vorgeworfen haben). Unterhaltsamer war es für Freunde anspruchsvoller Unterhaltung nebenbei bemerkt auch.

    Die andere Strategie lautet: gebt den Leuten die Bildzeitung, und sie werden nach immer mehr Dreck schreien. Diese Strategie wurde m. W. schon immer in den USA verfolgt, und heute hat sie sich praktisch weltweit durchgesetzt. Der Vorteil: dumme Menschen sind leichter zu regieren als intelligente, und man kann gleichzeitig Geld sparen und die Taschen der Privaten füllen. Als Vorwand dient dabei ziemlich genau das, was Du in Deinem obigen Kommentar schreibst, nämlich die „Demokratie“. In einer Demokratie habe man sich an der Masse zu orientieren, und die hat schließlich ein Recht auf Dummheit.

  9. sliqq schreibt: „Gewaltfreier Protest ist die größte Gewalt. Gewaltfreier Protest macht den Staat hilflos und entzieht ihm die Grundlage für gewaltsame Repression.“

    In einer gutwilligen, gutgläubigen Theorie mag es so sein, dass es dem Staat (seinem Gewaltmonopol) die Grundlage für gewaltsame Repression entzieht, in der Praxis stellt sich das aber anders dar: Die Teilnehmenden des G8-Protests werden bestätigen können, dass der friedliche Protest an den Zäunen um Heiligendamm, vielmehr aber noch die sog. Camps der Protestierenden – und das Camp Reddelich sei hier exemplarisch genannt – den Gegenbeweis liefern.

    O.: „Es fühlte sich an wie Krieg, ohne Bomben und Tote zwar, aber der Staat, ein Staat, in dessen Zwangsmitgliedschaft auch ich mich finde, hat dort Krieg gespielt. Das hat mich zutiefst beeindruckt. Verunsichert hat es mich aber nur anfangs, denn es war vielmehr die Staatsmacht, die unsicher schien. Ich bin mir auch sicher, ein erstes Läuten vieler einzelner Totenglöckchen vernommen zu haben. Skepsis kann ich nachvollziehen. Wenn ich mich von diesem traumatisierenden Kriegsspiel selbst – tags wie nachts – nicht hätte überzeugen können, dann hätte ich es wohl nicht wirklich geglaubt, so es mir hernach lediglich ein Kundschafter zugetragen hätte.“

  10. @N. Stawrogin:
    Man kann den Medien nicht vorwerfen, dass sie den Menschen das vorsetzen, wonach die Menschen verlangen.
    Bildung müsste viel früher ansetzen. Sie ist eine staatliche Aufgabe,
    Nicht unser Mediensystem ist zu kritisieren, es ist das Bildungssystem. Und die Zensur unerwünschter Inhalte kann Bildung nicht ersetzen.

    Außerdem möchte ich dir folgendes Buch nahe legen: Gerhard Maletzke, „Kulturverfall durch Fernsehen?“, Berlin 1988. Eine direkte Antwort auf Postmans Thesen.

    Insofern, @the evil wolf:
    ja, ich gestehe sogar Nazis ihre abweichende Meinung zu (ich teile sie um Gottes Willen aber nicht!). Aber: Da ist viel früher etwas falsch gelaufen, nämlich die Sozialisation und nicht die Mediensozialisation.

    Ihre Schriften liefern nur den Vorwand für staatliche Zensur. Ich würde auf jegliche Zensur verzichten. Dann würde man über Inhalte streiten und nicht darüber, was und wie zensiert werden muss.
    Auch eine 10%-NPD-Fraktion im Bundestag wäre nicht schlecht. Dann müssten sich die „demokratischen“ C-Parteien viel stärker von rechten Inhalten distanzieren und könnten nicht versuchen, mit halbrechten Tönen Wähler zu fangen.

    und zuletzt, @Ostprinzessin:
    Wenn die Staatsmacht unsicher schien, dann eben angesichts des friedlichen Protests. Umso lächerlicher stand sie selbst da mit ihrem überzogenen militanten und gewaltbereiten Apparat.

  11. @sliqq:
    cool….allerdings: das gälte dann nicht nur für die „C-Parteien“, sondern auch für die so genannte DIE LINKE mit ihrem Geschwätz von „Mutterrolle“, „Besatzungsmächten“ und „Fremdarbeitern“.

  12. Der Prinzessin gebührt eine etwas differenziertere Betrachtungsweise, denke ich. Das vielschichtige Wort „Gewalt“ ist doch kein rotes Tuch per se. Über den Gewaltbegriff werde ich mich die Tage mal zuhause auslassen.

  13. doch für mich ist gewalt ein rotes tuch. natürlich kann man jede menge formen von gewalt unterscheiden.

    aber wenn wir von gewalt gegen sachen und gegen menschen sprechen, dann sage ich unerbittlich „nein“, solange wir demokratische alternativen haben und nicht in einem totalitären staat leben.

    ich bin der meinung: erst die demokratischen möglichkeiten nutzen! es ist auch die einzige möglichkeit, um sich akzeptanz in der bevölkerung zu verschaffen, wenn man etwas verändern will.
    möchte noch hinzufügen: zu recht.

  14. sliqq: Selbstverständlich sind die Medien zu kritisieren. Ich gebe Dir noch ein Beispiel.

    Ich habe in der Industrie gearbeitet. Die „Pressemitteilungen“, die da über meinen Tisch gelaufen sind, habe ich ein paar Tage oder Wochen später in den Zeitungen wiedergelesen, als redaktionelle Beiträge. Meist hatten sich die Redaktionen nicht einmal die Mühe gemacht, die Texte wenigstens etwas umzuformulieren.

    Das heißt: während z. B. in der DDR den Zeitungen mehr oder weniger vorgeschrieben wurde, was sie zu drucken hätten (offene Zensur), drucken sie heute „freiwillig“ das, was ihnen von bestimmten Seiten vorgesetzt wird. Warum machen die das? Ganz einfach: weil es für sie die billigste Methode ist, ihre Seiten zu füllen, und ihnen außerdem noch freundlich gestimmte Anzeigenkunden beschert.

    Eine ähnliche Symbiose besteht auch zwischen Politikern und Medien. Die Politiker sind froh, wenn sie in der Öffentlichkeit erscheinen, die Medien, wenn sie billig ihre Sendezeit gefüllt kriegen.

    Auch, daß die Medien sich an den (vermeintlichen!) Wünschen der Masse orientieren, werfe ich Ihnen vor. Für mich ist auch Selbstzensur (z. B. aus finanziellen Gründen) eine Form von Zensur, und die bei uns existierende verdeckte Zensur halte ich auf jeden Fall für gefährlicher als offene Zensur, bei der jeder weiß, woran er ist.

    Außerdem ist der Begriff „Demokratie“ keiner, bei dem ich automatisch innerlich stramm stehe. Für mich ist 2+2 auch dann noch 4, wenn eine Mehrheit einmal sagen sollte, es sei 5, und die Todesstrafe ist für mich auch dann verwerflich, wenn eine Mehrheit dafür ist (was vor nicht gar so langer Zeit der Fall war und jederzeit wieder der Fall sein kann). Mag sein, daß ich mit dieser Ansicht schon nicht mehr auf dem Boden des Grundgesetzes stehe.

    Zur Frage der Gewalt: ich bin gegen Gewalt. Aber ich kann mir gut vorstellen, daß Einzelne oder Gruppen sich in unserer Gesellschaft in einer Art Notwehrsituation wähnen oder tatsächlich in eine geraten, die zu Gewalt führt. Ich glaube, daß Deine Vorstellungen vom Wesen eines totalitären Staats und von den bestehenden demokratischen Möglichkeiten blauäugig sind und die heutige Realität unzureichend widerspiegeln.

  15. – Wenn Medien ihre Funktion (kritischer Journalismus, gute Unterhaltung etc.) nicht mehr wahrnehmen, bezahlen sie das mit einem dramatischen Schwund an Zuschauern und Lesern.

    – Zensieren kann immer nur der Staat.
    Jeder Blogger, so aber auch jedes Medium, darf entscheiden, was es druckt/schreibt/sendet. Das ist die freie Entscheidung des Herausgebers.
    Wenn nur noch PR-Meldungen abgedruckt werden in der Hoffnung, der Leser werde das nicht bemerken, dann irren sich die Verantwortlichen. (Ich lese deshalb keine Tageszeitung mehr, und da bin ich nicht der einzige)

    – Wenn viele Menschen mit dem Medienangebot unzufrieden sind, muss es zu neuen Angeboten kommen, um die Nachfrage zu befriedigen. Das passiert ja grade mit der Blogosphäre.

    – Natürlich weiß ich, dass „Demokratie“ nicht bedeutet, dass jede „demokratische“ Mehrheitsentscheidung wünschenswert ist. Ich werde auch nicht für die Todesstrafe sein, wenn eine Mehrheit es mal sein sollte/gerade ist, oder sie deshalb für gut befinden. Ich setze „Demokratie“ nicht mit „alles wird gut“ gleich.

    – Wenn ich Gewalt als Kampfmittel ablehne, dann nur deshalb, weil derzeit „demokratische“ Kampfmittel genutzt werden können.
    Dass man es damit nicht unbedingt schafft, eine Mehrheit zu überzeugen, weiß ich auch. Aber was ist die Alternative dazu?

    – Ich selbst vertrete übrigens die These, dass Nazis zu Gewalt greifen, um auf sich aufmerksam zu machen, eben weil sie nicht publizieren dürfen (zensiert werden) und nur dann in der „Medienrealität“ auftauchen, wenn sie mal wieder Gewalt anwenden.
    Wie steht ihr dazu, dass Nazis sich in einer „Notwehrsituation wähnen“ könnten? Und gestehen wir ihnen ihre Form der Gewalt zu? Ich nicht. Mir wärs lieber, sie dürften ihre abweichende Meinung publizieren.

  16. „- Wenn Medien ihre Funktion (kritischer Journalismus, gute Unterhaltung etc.) nicht mehr wahrnehmen, bezahlen sie das mit einem dramatischen Schwund an Zuschauern und Lesern.“

    Ja klar! Deswegen ist ja auch die Bildzeitung die auflagenstärkste Zeitung (3,8 Mio, 12 Mio Leser) und RTL der beliebteste Fernsehsender.

    Nee, also ich glaube, dazu kann ich wirklich nichts mehr sagen, außer: in dem Land, in dem Du lebst, möchte ich auch mal gerne leben.

    Wenn Du übrigens keine Zeitung mehr liest und glaubst, die „Blogosphäre“ könnte die ersetzen, dann bist Du praktisch überhaupt nicht mehr informiert, weil Blogger so gut wie gar nicht recherchieren, sondern nur Meinungen kundtun und Nachrichten aus den „echten“ Medien nachdrucken.

  17. Ich tue nur meine Meinung kund, die sich im Laufe eines langen kommunikationswissenschaftlichen Studiums herausgebildet hat. Ihr dürft gern anderer Meinung sein. Ich hoffe, durch mich fühlt sich niemand persönlich angegriffen, sondern nur in der Sache.

    Das ist jetzt wieder sehr provokativ: Die BILD druckt keine PR-Mitteilungen ab, sie ist eines der wenigen Blätter, das noch redaktionell aufbereitete Beiträge liefert. (!) Über Qualität oder Richtung kann man sich streiten.

    Es gefällt mir nicht aber ich akzeptiere es: Ich glaube, dass viele BILD-Leser wirklich so denken wie die BILD, sonst würden sie sie nicht lesen. Theorie der kognitiven Dissonanz: http://de.wikipedia.org/wiki/Kognitive_Dissonanz

    Nichts für ungut, bitte!

  18. @the evil wolf
    @sliqq
    @N. Stawrogin
    @stralau
    @Westmonster

    Gönnen? – Nein. Hier sei an das vom Westmonster ins Spiel gebrachte Rote Tuch erinnert: Nazi-Meinungen sind für die Ostprinzessin ein solches. Es kann zwar keine Frage sein, ob man Nazis „ihre `abweichende´ Meinung“ zugesteht, da man Meinungen faktisch nicht nicht zugestehen kann. Gegen ihre Verbreitung und Behauptung allerdings zieht die Ostprinzessin jedoch in jeglicher Form zu Felde, eine „demokratische“ Haltung steht in diesem Falle besonders fern. Zur Begründung lässt sich sagen: In der konkreten Situation stehend, Nazi-Meinungen entweder zuzulassen oder zu diskriminieren – und die zu treffende Entscheidung auch gegenüber den Opfern solcher Meinungen unmittelbar zu rechtfertigen – ist die auf Menschlichkeit gründende Entscheidung klar und eindeutig.

    Gleiches gilt etwa im Falle der im Artikel erwähnten Möglichkeit, „Kollateralschäden“ in Kauf zu nehmen. Natürlich verbietet sich dies im Sinne einer menschlichen Haltung. Insofern haben sich z.B. einige der RAF-Angehörigen am Wert der unmittelbaren Menschlichkeit vergangen.

    O.: „Ich halte das für ein gutes Beispiel dafür, dass man sich mitverantwortlich macht, wenn man in der Frage der wie auch immer gearteten Integration von oder Toleranz gegenüber Nazi-Meinungen, oder in der Frage der Kollateralschäden, nicht Position bezieht. Sich in der Frage der Nazi-Meinungen einer eindeutigen Position zu entziehen, mag bequem sein, weil das Exil-Pelzmantel der Demokratie immer noch wärmer sein mag als gar kein Mantel – nämlich die nackte Wahrheit, dass Nazi-Meinungen per se menschenverachtend sind. Demokratie ist in diesem Falle ein schlechter Ratgeber und schützt die Falschen. Nicht zu sagen wagen zu wollen, wer die Falschen, wer die Richtigen sind, lässt sich meistens auf die innere Zerrissenheit der so (nicht) Position beziehenden Menschen zurückführen.“

    Was das Thema der Gewalt anlangt, hat der Glöckner die Glocken wohl naturgemäß am ehesten läuten hören. Die Ostprinzessin hat ein buntes Panorama der unterschiedlichen Arten der Gewalt aufgemalt und die Dimensionen des vielschichtigen Wortes Gewalt – hier hat das Westmonster offenbar am genauesten gelesen – darzustellen versucht. Das scheint nicht bei Allen angekommen zu sein und hat dann zu reflexartigen Abgrenzungen gegenüber EINES Gewalt-Begriffes geführt, anstatt die beschriebene Vielschichtigkeit zu begreifen. Die Gewalt-Debatte geht weiter – herzhaft, nüchtern oder wie ihr wollt.

  19. Schön, dass mir hier vom einen Informationsdefizite und von der anderen ungenaues Lesen vorgeworfen werden. Ich nehms hin und versuche mal, bei der Sache zu bleiben.

    Liebe O., du schreibst: „… wenn es um die Frage der einen oder anderen Militanz (-Aktion) geht ehrlicherweise niemals jemand zweifelsfrei mit Ja oder Nein beantworten können. Daher: Vielleicht.“
    Auch wenn du denkst, dass könne „niemand“ beantworten: Solange wir einem freiheitlich-demokratischen System leben (auch wenn es ausgehöhlt wird, aber das ist ein anderes Problem), antworte ich klar: Nein zu militanter Gewalt. Nichts anderes habe ich früher geschrieben.

    Noch einmal Zitat O.: „Im Bezug auf die zuvor beschriebenen Alternativen steht für mich aber zweifelsfrei fest: Gewalt ja!“
    Da bin ich bei dir, da du mit diesen Alternativen ja das legitime Protestieren und Begehren meinst.

    Zur Zensur:
    Ich glaube, wir sprechen schon lange in Politik und Medien nicht mehr über Inhalte, sondern in einer Metadebatte ÜBER Inhalte. Also darüber, was man meinen darf und was nicht.
    Damit wirst du solche Leute nicht erreichen:
    http://www.woschod.de/?p=2523

    Wenn man rechte Meinungen „entzaubern“ will – soweit das geht -, muss man mit den Rechten über ihre Meinungen sprechen – auch in den Medien. Zensur halte ich für kontraproduktiv. Die macht rechtes Gedankengut erst recht attraktiv – nicht nur für Jugendliche, die damit gegen die Welt der Erwachsenen aufbegehren wollen, sondern auch für halbrechte Politiker.

  20. Noch eine kleine Ergänzung dazu:

    „Wie steht ihr dazu, dass Nazis sich in einer “Notwehrsituation wähnen” könnten?“

    Ich glaube nicht, daß man das, was ich bezüglich einer „Notwehrsituation“ geschrieben hatte, auch auf Nazis anwenden kann. Schon allein deshalb nicht, weil Nazi-Ansichten in weiten Teilen zumindest der deutschen Provinz leider Mehrheitsmeinung sind.

  21. Ja, aber tun sie das denn? Nach meinem Eindruck fühlen sie sich eher als Sprachrohr einer schweigenden Mehrheit der Deutschen, die sich das, was sie tun und sagen, nur nicht traut.
    Außerdem würde jemand, der sich als Minderheit in einer Notwehrsituation wähnt, wohl kaum deshalb z. B. auf einen einzelnen Unbekannten zugehen und ihn zusammenschlagen.
    Ich halte den Zusammenhang mit den Nazis, den Du hier herstellst, für etwas konstruiert.

  22. Dies noch und dann will ich auch dazu an dieser Stelle schweigen:
    Natürlich ist meine Meinung konstruiert. Wie sollte sie es auch anders sein.
    Ich verlange auch von niemandem, dass er meine Meinung teilt. Es lebe die Diskussion.

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