Gewalt: Trauma 1, 2 oder 3?
Die Sonne scheint, der Himmel ist heiter, die Landschaft wundervoll - und O.: „Angst ist ohnehin meine ständige Begleiterin“ (und ist ja bekanntermaßen ein Überlebensinstinkt). Die Einheimischen scheinen sympathisch, die Menschen im übervollen Camp mal so, mal so, die Einsatzkräfte der Polizei auch mal so, mal so - und die Lage der Welt ist nicht besser und nicht schlechter als vorige Woche auch. Aber irgendetwas ist ganz anders in jenen Tagen. Es ist G8 und die Vorsitzende des gerade vorsitzenden Landes hat nach Heiligendamm geladen. Im Zeichen der Angst der Mächtigen gegenüber denen, die zu „ihrer“ Bevölkerung zählen, wurde der Ort eingezäunt. Tausende Kritiker_innen wurden bereits vor den Protesten kriminalisiert. Militär und Polizei sind im Einsatz. Irgendein Gefühl, dass Du vorher noch nicht kanntest, hat Dich hierher getrieben. O.: „Ich wollte es mittendrin erleben, ohne zu wissen, was das bedeuten würde. Was ich dann tatsächlich erlebt habe, hat mich in vielerlei Hinsicht tief erschüttert.“
Wähle Dir Dein Lieblingstrauma…
1 - Du hast noch heute das Geräusch aus dem Himmel - das permanente Kreisen der Helikopter - im Ohr, wenn Du überhaupt nur an Heiligendamm denkst. Sie flogen am Tag und in der Nacht. Tagsüber kreisten sie einzeln oder zu sechst über Dir und in den Nächten stand ein Helikopter in der Luft über dem Camp: Um halb 3 nachts und um 5 dann nochmal. 10 Minuten im Tiefflug über dem Camp. Schon den ganzen Tag und die halbe Nacht waren die Helikopter im Einsatz über dem Camp und um das Camp herum. Nun werden Tausende aus dem Schlaf gerissen. Angst und Unsicherheit. Unten am Boden - im Zelt liegend - versteht man sofort, was Zweck, was Botschaft ist. Das unmittelbare Ziel des Einsatzes ist die Folter durch Schlafentzug. Eine Entschuldigung dafür findet sich in Dir auch nach langem Nachdenken und Abwägen nicht. Das Zeichen hat sich tief in Dich eingraviert.
2 - Geräusche sind nur die halbe Miete - auch Bilder haben sich tief in Dir eingebrannt. Noch Wochen nach der Rückkehr hast Du Polizei-Mannschaftswagen („Bullenwannen“) gesehen, vor Dir fahrend oder stehend oder entgegenkommend, sobald Du die Augen geschlossen hast. Das Gefühl dazu legt sich über Deine sonstigen Empfindungen wie Mehltau. Auch bei geöffneten Augen ist das Bild präsent, sobald Du auch nur an Heiligendamm denkst. Hass und Verachtung in den Gesichtern der absperrenden und vor ihren gewalttätigen Räumungseinsätzen stehenden Einsatzkräfte - und Du denkst dabei nicht nur an die offensichtlichen Rambos, sondern an Männer, die - dem Anschein nach - einer Boygroup hätten entsprungen sein können - verdunkeln Dir noch heute das Gemüt, wenn Du nur an die Selbstverständlichkeit denkst, mit der sie ihren Hass verbal bekräftigten: „Das müssen wir noch alles wegräumen!“
3 - Mit über 700 Menschen sitzt, stehst und läufst Du auf und an der Zufahrtsstraße zum Osttor des Zaunes, der Heiligendamm weiträumig abriegelt. Durch euch durch oder direkt neben euch laufen immer wieder Einsatzkräfte in voller Montur. Sie laufen durch die Menge und irgendwann später wieder zurück. Räumpanzer und Wasserwerfer werden in Stellung gebracht. Zwei Helikopter kreisen bereits seit Stunden über euch. Nun landen in der Wiese neben euch sechs Helikopter. Einsatzmannschaften steigen aus und laufen auf euch zu. Nachdem sie wieder fort sind, taucht plötzlich Kavallerie auf. Auf den 9 Pferden sitzen Einsatzmänner in voller Montur. Was soll mit euch geschehen?
Intellektuell mag man die Einsätze der Staatsmacht als lächerlich - weil überzogen gewaltvoll - bewerten wollen (sliqq: „Umso lächerlicher stand sie selbst da mit ihrem überzogenen militanten und gewaltbereiten Apparat.“) Lächerlich ist aber an den Einsätzen - in der unmittelbaren Praxis - genau gar nichts. Nichts fühlt sich lächerlich, Alles daran fühlt sich bedrohlich an. Gefahr und Angst - in keiner Minute ist klar, was die nächste bringen wird.
Du verlässt den Ort mit einem Gefühl, das Du vorher noch nicht kanntest. O.: „Ich habe unsere Bewegung der Bewegungen gesehen, erlebt und verstanden. Auch vieles Andere habe ich verstanden. Lang habe ich gewartet und nachgefühlt, um Euch hiervon ohne Hass und ohne überzogene Verachtung berichten zu können.“
Am 18. September 2007 um 18:43 Uhr
Nun gut, dies noch und dann will ich schweigen:
Die Mittel der einen Seite (Polizei) rechtfertigen nicht eine Militarisierung der anderen Seite. Ganz im Gegenteil - das hielte die Gewaltspirale in Gang.
Am 19. September 2007 um 01:17 Uhr
@sliqq
Die Mittel der POLIZEI ?!? Die der Politik ja wohl, hm?
Die Polizei is nur Mittel zum Zweck, mehr oder weniger hirnfrei getrimmt. Is ja nur n Job…………………………… wer dennoch eins hat, lässt es zuhause.
Am 19. September 2007 um 15:46 Uhr
Sehr guter Bericht. Ich kann das gut nachvollziehen, wie Du Dich da gefühlt haben mußt.
Am 20. September 2007 um 19:11 Uhr
@SchneeEule
Ich wollte die Polizei als “Mittel” der “einen Seite” (Staat) bezeichnen. Ist etwas missverständlich geworden.
@ O.:
Auch ich kenne diese Angst von früheren Demos (beim G8 in Heiligendamm war ich nicht dabei). Auch ich kenne Polizisten mit Maschinenpistolen und kreisende Hubschrauber.
Mein Schluss: Nicht militante Gegengewalt. Alternativen statt militanter Protest. Märchen machen.
Am 21. September 2007 um 11:34 Uhr
Dieses G8-Polizei-Aufgebot halte ich auch für lächerlich. Diese maskierten Robocops mit Hubschraubern, Stacheldrahtzäunen etc. sollen halt abschrecken und schaffen das bisweilen ja auch (siehe Text).
Trotzdem sind sie im internationalen Vergleich recht harmlos, da alles in mehr oder weniger “geordneten” Bahnen verläuft. In anderen Ländern gibts keine Robocops und Stacheldrahtzäune - wer da das Maul aufmacht wird halt gleich erschossen.
Am 21. September 2007 um 13:25 Uhr
@the evil wolf
der vergleich hinkt. du vergleichst äpfel und birnen bzw. ein trauma mit nem andern, das du vielleicht hast, und benutzt das als ne art totschlagargument. ich schätze mal, du hast das soweit hinter dir, um mit fertig zu werden und die bequeme-sessel-perspektive einzunehmen. jetzt findste alles lächerlich, was hierzulande passiert.
Am 21. September 2007 um 14:54 Uhr
Naja, nicht alles…:)
Am 14. März 2008 um 20:02 Uhr
Ich war noch nie auf einer Demo - Vieles versteh ich nicht in dieser Welt. Aber ganz gleich was auch auf uns zu kommt. Klimakatastrophe - Armut - Gleichgültigkeit und koropiertes Machtgehabe - solange nur eine einzige/einziger auf die Strasse geht und anprangert und seine Stimme erhebt wird es Hoffnung geben und Veränderung.
Am 14. März 2008 um 20:15 Uhr
Liebe Sabine, da bist Du nicht allein. Viele verstehen Vieles in dieser Welt nicht. Deine Worte jedenfalls sind Balsam für geschundene Seelen und sie machen Mut zur Bewegung - Danke!