Lauti

Das Wagen derer, die Kunde tragen

Gebildete Dumme sind die eigentliche Gefahr für eine Zivilisation. Ungebildete Dumme nehme ich nicht ernst, gebildete Dumme hingegen machen mich wütend – denn: „Primitiv ist eines, barbarisch ein anderes. Der Barbar ist verdorben, der Primitive noch nicht reif.“ (Giacomo Leopardi). Ich habe es lieber mit Verblendeten zu tun als mit Blendern. „Wir haben uns heute mal die Zeit genommen, um Ihnen zu zeigen, dass es sich lohnt, über Gott nachzudenken!“ Nicht nur die zusammengegoogelte geistige Armut, die sich via Sozialer Netzwerke über mich ergießt, erlaubt mir also gewisse Zweifel an der Zurechnungsfähigkeit meiner Mitmenschen. Mittlerweile beuge ich zumindest der an der Haustür über mich hereinbrechenden Gedankenverschmutzung vor. Hausierende Jesusvertreter lasse ich allenfalls noch bis zu ihrem wohlformulierten „Guten Tag, Herr ...“ vordringen, welchem ich, vor dem endgültigen Verriegeln der Tür, mit einem adäquaten „Sehr wohl“ begegne. Masel tov!

Freundlichkeiten sind zu nichts weiter gut, als ein schlechtes Gewissen zu bereiten; anderen unverblümt mitzuteilen, was man wirklich über sie denkt, ist anständiger, da demütigender Worte Klang schneller verhallt denn klangvolles Schweigen. „Ein ausformuliertes Schweigen ist nicht weniger verletzend als ein paar direkte Worte.“ (Peter Peschke). Umso brüskierender erscheint Robert Gernhardts „Euch schreib ich nichts, lernt erst mal lesen.“ – immerhin allgemeinverständlich erklärt, wohingegen vieles andere in derart unbegreifbare Begriffe gelegt wird, dass vermutet werden darf, dass ihr Gebrauch in erster Linie der intellektuellen Abgrenzung ihres jeweiligen Verfassers dient, oder anders gesagt: Ich klug – Du dumm. Soetwas nenne ich einen Wort gewordenen Minderwertigkeitskomplex. Erinnert sei zugleich an Erich Kästners paradoxen Befund: „Wer zu klug ist, ist schon wieder dumm." Doch wie hebt man (sich) ab, ohne den Boden unter den Füßen zu verlieren?

Selbstredend spricht auch aus mir Hochmut, „der hohe Mut“ nämlich, der eine Hochgestimmtheit als begleitenden Ausdruck einer edlen Gesinnung bezeichnet. Was ich „Hochmut“ nenne, hat nichts mit „Überheblichkeit“ zu tun, denn ich bin in nichts überheblich, da alles, worüber ich zu verfügen scheine, tatsächlich da ist, ich mich dessen also nicht zu „überheben“ brauche. Über mich selbst will ich mich heben, nicht über andere. „Ich will heben und tragen.“ (Jesaja, 46,4). Und merke: „Das Problem der Sprache steht im Mittelpunkt aller Kämpfe für die Abschaffung bzw. Aufrechterhaltung der gegenwärtigen Entfremdung; es lässt sich vom ganzen Ge- biet dieser Kämpfe nicht trennen. Wir leben in der Sprache wie in der verbrauchten Luft.“ (SI no.8, 1963).

Die Taubenerscheinung

Einsam thronte er inmitten des Feuers seiner Weisheiten und sah das nahende Unheil heraufziehen. Da landete auf seinem linken Arm ganz plötzlich eine einarmige Taube, näherte sich ihm vorsichtigen Schrittes, zögerte gebannt und gab schließlich ein knittriges Pergament frei, auf dem geschrieben stand: „Er rettet sich hinter Gitter, aus denen ihn nichts mehr befreit.“