Lauti

Mauerfall

Ja, es gibt sie, die Menschen, die zur rechten Zeit das Richtige zu sagen wissen – und es tun. Ob geliebt oder verhasst, manche von ihnen jedenfalls sind damit berühmt geworden, andere leben im Verborgenen. Auf unserer Lebensreise begegnen wir ihnen an den ordinärsten Orten, in seltsamsten Situationen, unter unmöglichsten Umständen.

Zufällig – vielleicht aber gerade genau das nicht – stellte ich am 19. Jahrestag des Mauerfalls jene Frage, die – beinah jedem meiner bisherigen Gesprächspartner immanent, auch wenn sie unausgesprochen blieb – für gewöhnlich mit einem klaren und ausführlichen Ja beantwortet wurde, ja werden musste: Siehst du hier eine Mauer? Mit meinen Händen imaginierte ich sie über dem Kaffeehaustisch.

Entschlossen kopfschüttelnd jedoch verneinte mein Gegenüber ihre Sichtbarkeit. Zwischen ihm und mir vermochten Mauern nicht zu bestehen; zwei Außerirdische, die durch kein irdisches Parlament vertreten sein könnten. Mauern wären ihnen allenfalls als Anachronismus erschienen, dennoch ist es beileibe nicht so, dass sich nichts trennend und nach Überwindung verlangend zwischen sie zu stellen in der Lage gesehen hätte: Eine Vielzahl überhoher Zäune, abgrundtiefer Gräben und steiniger Wegstrecken zwischen verschiedensten Plateaus, sowie alle üblichen und denkbaren Vorurteile und sonstigen Vorkommnisse, von „A“ wie Altruismus über „K“ wie Kuchenbüffet bis zu „Z“ wie Zauberstab.

All jene Zärtlichkeit ihrer Begegnung widerspiegelte sich am Ende in gar nichts mehr. Doch ein chaotischer Bezahlvorgang, eine nasskalte Nacht, verpasste Trambahnen, ungebetener Laternenschein und unzulängliche Verabschiedung vermochten lediglich ein kraftloses Auflodern des Unschönen im Reich der dramatischen Schönheit ihrer Zusammenkunft zu sein. Die entscheidenden Details lagen wie Zauberpuderzucker verstreut zwischen den Worten, weit jenseits der Kuchenvitrine.

Unerklärt indes blieb das in ihnen und abseits des Übbaren nur allzu geborgen Verborgene.