Lauti

Mein Lied ist das der Welt

Über das Richtige im Falschen

Den Sinn des Lebens gibt es nicht – ja; allerdings: Ob man es nun „Leben“ oder „Liebe“ nennt, „Heiliger Geist“ oder „Wunder der Natur“ – wer an gar nichts glauben wollte, sollte so konsequent sein, die weltliche Existenz sich zu ersparen und seiner Umwelt den Nichtsglauben. Es erfordert Mut, sich von liebgewordenen, alles relativierenden Deutungen zu lösen, Klarheit und Gewissheit zuzulassen. Wer den Zauber seiner Kraft, Liebe zu geben, in anderen nicht wiedererkennt, der hat sich noch nicht getraut, hinzusehen, wenn dieser seine Wirkung entfaltet. Liebe deinen Nächsten, tu's, solang er noch warm ist; ihn später erst zu lieben, wäre gewiss einfacher und bequemer, aber sinnlos. Nur, wie ginge das: sich einen Reim machen ohne Vokale!

Leben, ein Nichts bist du, aber doch ein feierliches. Etwas tun – jener penetranten Beliebigkeit widersprechend, die jedem Sein und jeglichem Wirken nachhaltig die Nachhaltigkeit entzieht, dem Falschen das Richtige abtrotzen, das Hohelied singen, heiser von vielen Schreien: wie kann das gelingen?

So alt die Verhältnisse der Welt auch seien, der Tag ward noch immer jung geboren, obgleich es naiv wäre, von einer Made eine Kritik am Speck zu erwarten. Ob nun die Rat-, Tat- und ach so Ahnungslosen in der Politik, gefräßige Kapitalisten oder der Satte an sich: von ihnen ist nichts zu erwarten außer mitleidiger Almosen. Neulich stand ich eine Stunde zu spät auf, da im Halbschlaf eine Reihe von Albträumen über mich hereinbrach. Am Schluss lag ich bäuchlings auf dem Bett, ja und zischtete ein zorniges „Ich hasse euch“ ins Laken. Vielleicht hätte ich nur aufstehen müssen, um nicht zu hassen.

So wollen sie uns haben: schwach, allein, getrennt – so sollen wir einander froh und heiter die Butter vom Brot nehmen; es freute den lachenden Dritten. Denn wer glaubte, dass auf diese Weise ein jeder Mensch zu seinem Recht käme, der machte die Rechnung ohne den Wirt. Doch während die einen bereits die Rechnung in Händen halten, halten die anderen in den ihren nicht einmal die Chance auf eine Krume jenes Laibes. Gleichwohl hat jedes gute Ding eine Seele, manches ein Gewissen gar, welches mitunter unbequeme Fragen stellt: „Und du setzt dem etwas entgegen, und was Gutes?“

Dank einer brisanten Mischung selbstbewusster Dominanz, schüchternen Zartgefühls und frühkindlicher Unbeholfenheit habe ich bereits an mir selbst schwer zu tragen. Doch Klammern haben ihre Sprengung zur Folge – und Kollateralschäden. Gelegentlich macht das planetare Kreisen der Erde im Allgemeinen und das menschliche Tun darauf im Besonderen mich derart schwindlig, dass ich mich nicht mehr halten kann. Neulich bot mir daher ein Bekannter seine Umarmung an, auf dass ich spüren möge, wie er die Welt für mich ein wenig langsamer drehen lasse. Wir brauchen mehr Wir-Wachstum!

Beistand, Gesellschaft und Weile: darauf sollten wir niemals verzichten müssen. „Die inneren Verletzungen sieht man ja nicht“, ein Freund jedoch kennt sie. „Aber was soll man da bei Freunden schon sagen?“ In jedem Fall die Wahrheit – soweit sie sich denn offenbart. Wenn die seelische Last zunimmt, dann, lieber Freund, kann es der Freundschaft nicht angemessen sein, höflich zu schweigen oder bequem auszuweichen. Doch selbst dann, Freund, liebe ich dich. Denn wie du meine Nöte kennst, so kenne ich die deinen. Wir nehmen einander so wie wir sind.

Freunde werfen sich über dich, wenn Schüttelfrost dich plötzlich packt, oder ein Panikanfall. Freunde waschen dir den Kopf und zwar gründlich; sie legen mit dir einen Garten an, singen dir ein Lied, holen dich aus deinem Knast. Solche Freunde gehen mit dir in die härtesten Kämpfe und durch die schwersten Abschiede; sie vertreiben die dunkle Wolke über deinem Kopf, und bist du abgebrannt, machen sie ein Feuer und bereiten dir eine warme Mahlzeit. Du rufst sie – sie kommen, manchmal auch vorher schon; sie bleiben über Nacht, wachen an deinem Bett. Freunde machen Fehler, sie übersehen dich, sie tun dir weh. Doch wenn es nicht so wäre, dann wären sie noch gar nicht deine Freunde oder wären es nicht mehr.

Beinah alle bekannten Märchenfiguren, und auch die unbekannten, sind meine Freunde, und manche meiner Freunde sind wahre Märchenfiguren – nicht, weil es sie nicht wirklich gäbe, sondern weil ich manchmal gar nicht fassen kann, dass es sie wirklich gibt. Wer in meinem real werdenden Märchen einen Platz findet, ist mir darin nah und bleibt es, bis wir gestorben sind, und noch darüber hinaus, denn: „Die Liebe hat ja nur einen Anfang und kein Ende...“ (Cora Frost); durch die feinen Poren unserer Seele geschleust, nährt sie uns.

Es geht um Dasein.