Lauti

ménage à trois

 

Nur die Liebe zählt – eine unglückliche ménage à trois

Als Hinrek H. vor sechs Jahren nach Berlin zieht, eilig und ohne konkrete Absichten, was er denn in der neuen Heimat zu tun gedenke, beginnt neben seiner intensiven Liebesbeziehung zu dieser Stadt auch eine Beziehung ganz anderer Art: Ein Mietverhältnis. Mahnung und Warnung hätten ihm die Umstände und Zeichen dieser Beziehung von Beginn an sein wollen. Vermutlich aber ist seine Geschichte eine, die sich – so oder so ähnlich – tausendfach ereignet.

Berlin hat es ihm angetan. Seit der ersten Begegnung ist es um ihn geschehen. Zunächst jedoch hängt er noch sehr an seiner alten Liebe im Westen. Als er drei Jahre später den Sprung ins neue Glück endlich wagt, will er genau dort leben, wo ihn sein letzter Kurzurlaub regelrecht selig werden ließ. Nach jenem Quicky bietet sich nun eine attraktive Beziehungspartnerin an: „Nahe Helmholtzplatz im Prenzlauer Berg, gepflegter, modernisierter Altbau, 1. OG Vorderhaus, weiß gefließtes Duschbad, Küche mit Essplatzmöglichkeit, Herd, Spüle, Abstellkammer, Wohnzimmer mit Balkon (West), Dielenboden. Wohnfläche: 39,97 m²“; kalt: 244,22 Euro; Nebenkosten: 81,65 Euro. Die Provision wird 566,59 Euro betragen. Nun gut, in seine alte Beziehung musste nicht viel weniger investiert werden, nur die Nebenkosten waren deutlich geringer. Ohnehin werden seine werten Eltern für den größten Teil aufkommen, denn eine Ausbildung hat Hinrek H. bislang nicht begonnen, daher keinerlei Einkommen; und die Künste, denen er sich künftig zu widmen gedenkt, sollen brotlos bleiben.

Blind Date

Die erste Begegnung mit der Unbekannten verläuft reibungslos, auch die Umwerbung kostet kaum Mühen. Einen elterlich abgesicherten Beinahestudent nimmt man mit Kusshand. Die zwischengeschaltete Immobilienmaklerin vom Kudamm übermittelt nochmals die Rahmendaten. Darin ist von einem Wohn- und Schlafzimmer die Rede, das – wie auch im beigefügten Grundriss – mit satten 29,5 m² angegeben wird. Eine gute Beziehung braucht viel Raum, um zu wachsen, nicht aber leere Versprechungen. Offenbar hat man sich um 5 m² vermessen. Größe findet sich woanders wieder: Über ein Drittel der Betriebskosten werden als Kosten für den Aufzug dargestellt; ansonsten bieten sich keine Überraschungen. Auf den heiß ersehnten Anruf muss die Auserwählte also nicht lang warten und ein Termin zum Unterschreiben ist schnell gemacht.

Die Hausverwaltung besteht aus einem Ein-Mann-Betrieb in Charlottenburg; der Inhaber, Herr Schweining, raucht exzessiv Pfeife und sammelt Geldmünzen. In den Muff seines ausgesprochen eigentümlichen Büros spricht er ein „Bitte hier unterschreiben“. Wer etwas einzuwenden habe, möge nun sprechen.

Zwischen Gräuel und Aggression

Als Student dann fährt Hinrek H. gelegentlich zu seinem kauzigen Verwalter, um Mietkostenbescheinigungen abzuholen. Er wird dort regelmäßig mit Widerwillen empfangen und sieht sich – ebenso zuverlässig – denkwürdigen Anwürfen und Auskünften ausgesetzt. Auch zu einem offenbar verdächtigen Zusatz auf seinem Briefkasten-Namensschild wird er vernommen: Gemeint ist der Künstlername, den er seit einer Weile trägt. Doch nicht nur der harmlose Namenszusatz, vielmehr seine Persönlichkeit, ja sein ganzes zartes Wesen wird vom groben Verwalter, so verrät es dessen Blick, als kuriose Abart gewertet.

Gemeinhin verhält sich Hinrek H. eher schüchtern, nur ein einziges Mal wagt er eine Nachfrage: Wieviel Gewicht seine „Abstellkammer“ tragen könne, die in Wahrheit nichts weiter als ein abgehängter Boden über dem Flur ist, und ob eventuell Baupläne davon existierten. Die informative Antwort des Verwalters: „Also ’n Panzer würd ich nich drauf parken!“ Den Berliner Humor hat Hinrek H. immer schon geliebt, auch wenn er manchmal nicht wirklich weiterhilft. Aus dem Munde des Verwalters jedoch klingen solche Worte eher bedrohlich denn humorig. Herr Schweining ist ein mitunter aggressiver Zeitgenosse, der diesen Umstand in Briefen und Abrechnungen stets mit seiner Unterschrift belegt, die senkrecht über nicht weniger als ein Drittel des Blattes reicht.

Dennoch: Über die Jahre hin tritt eine gewisse Entspannung des Verhältnisses ein und beiderseits geht man möglichen Auseinandersetzungen aus dem Weg – wohl auch deshalb, weil das Verhältnis mittlerweile zu den treuesten im Hause der immerhin sechzig Mieter zählt.

Sahnetorte mit Schlag

Das Eckhaus, zu dem noch zwei Seitenflügel zählen, beeindruckt im Treppenaufgang mit hochwertigen Décors, rotem Teppich im Entrée, goldfarbenem Klingeltableau und ebensolchen Briefkästen; die Eigentümerin: eine Doktorengattin in München. Die aufwendige Haussanierung hat ihr verstorbener Gatte – so wie zahllose seiner Kollegen – in den 1990er Jahren über großzügigste Steuersparmodelle und Beihilfen kostengünstig durchführen lassen und sich damit die sichere Grundlage für eine sprudelnde Geldquelle geschaffen. Mietobergrenzen hingegen wurden aufgehoben. Sahnetorte mit Schlag also.

Gleichwohl darf die Miete aufgrund der üppigen Zulagen und lukrativen Abschreibungen einige Jahre lang nicht erhöht werden. Die monatlichen Betriebskosten indes haben sich für Hinrek H. in fünf Jahren insgesamt um fast vierzig Euro erhöht. Und mit Ablauf der Fristen setzt die Vermieterin nun durch, was ihr Gatte offenbar seit jeher mittels diverser Tricks sorgfältig vorbereitet hat, um aus der Zitrone, dem Mieter, alles herauszupressen, was sie hergibt. Was den Fakten nach nicht passt, wird passend gemacht, allerdings nicht faktisch, sondern manipulativ und unter kreativer Auslegung jeglicher Wahrheit.

Ernsthafte Beziehungskrise

So ist bei Hinrek H. ein Mieterhöhungsverlangen von über 10% eingegangen, das mit einem Verweis auf den aktuellen Mietspiegel gerechtfertigt wird. Dem beigefügten Mietspiegel sei in Spalte 2, Zeile A zu entnehmen, dass die ortsübliche Miete nicht überschritten werde. Hinrek H. greift nun zum Maßband und misst die Wohnung genau ab. Das Ergebnis: Sie ist um über einen Quadratmeter größer als angegeben – keine Abweichung erschreckenden Ausmaßes zwar, pikant aber ist die Sache dennoch, denn mit der tatsächlichen Größe von über 41 m² ist die Wohnung in Wahrheit einem Mietspiegelfeld zuzuordnen, demgemäß eine Erhöhung der Miete nicht ohne Weiteres zulässig ist.

Doch vermieterseits hat man kreativ vorgesorgt und die Wohnungsgröße im Mietvertrag mit „ca. 39,97 m²“ ausgewiesen. Schon ein Plus von 3 cm² reichte aus, um im dazugehörigen Mietspiegelfeld die aktuell geltende Höchstgrenze zu erreichen. Eine Mieterhöhung ist im Fall von Hinrek H. also nur dann zulässig, wenn die Wohnungsgröße tatsächlich unter 40 m² liegt. Allerdings gilt das als rechtens, was im Mietvertrag steht – wenn man denn die Gerichtsurteile zu Fällen wie diesem als gerechte Rechtsprechung anzusehen bereit ist.

Aber im vorliegenden Fall muss doch etwas zu machen sein, oder? In ebendieser Frage streiten – Eins zu Eins unentschieden – auch die Anwältin und der Anwalt der beiden Beratungsstellen, die Hinrek H. aufsucht, um in Erfahrung zu bringen, ob Lug und Trug in seiner Beziehung die Oberhand behalten werden. Jedoch ist Hinrek H. nicht versichert und nirgends Mitglied. Ein risikoreiches Gerichtsverfahren kann deshalb nebst einiger Nerven auch sehr schnell deutlich zuviel Geld kosten, wenn es am Ende nicht gut ausgeht. Daher wendet er sich auf eigene Faust an die Hausverwaltung und legt dieser seine neuen Erkenntnisse bezüglich der Wohnungsgröße und des Mietspiegels dar.

Dem eingegangenen Mieterhöhungsverlangen widerspricht er bewusst nicht, um sich keine Klagedrohung einzuhandeln. Weil er es im Guten versuchen will, schreibt er seinem Verwalter in bestimmtem, aber freundlichem Ton, höflich fragend, wie die ans Tageslicht gekommene Wahrheit über die gemeinsame Beziehung nun angemessen berücksichtigt werden könne. Doch der Verwalter sieht trotz vieler guter Jahre weder Anlass noch Grund, ins Gespräch zu kommen: „Sie erteilen keine Zustimmung. Wir werden diese durch Klage beim zuständigen Amtsgericht einfordern. Bei der Gelegenheit können Sie Ihre Einwände vorbringen.“ Im Übrigen sei man ab sofort für drei Wochen in Betriebsferien.

Schrecken ohne Ende oder Neuanfang?

Hinrek H. würde die Beziehung am liebsten fliehen. Nur selten hat er bislang über seine Probleme gesprochen, keiner seiner Freunde weiß darüber genau Bescheid. Dies ändert sich nun. Seitens der Freunde schallt es infolgedessen einhellig: „Deine Miete is’ ’ne Terrormiete!“ Nur allzu gern würde er jetzt seinen Fall vor Gericht durchkämpfen, allein schon aus Gründen der Würde und der Wahrheit, doch das unkalkulierbare finanzielle Risiko hält ihn hiervon ab.

Wieviel zuviel gezahlte Miete wird die Vermieterin wohl noch auf Grundlage der manipulierten Maße ergaunern? Wenn für das gesamte Haus derart „kreativ“ gerechnet wird, dann ist Madame gewiss eine reiche Frau – eine arme Reiche gleichwohl, denn Geld verdirbt bekanntlich den Charakter, es zu fixieren, verununreinigt die Seele. Diesbezüglich reine Seele jedoch ist unverzichtbar, wenn man wahre Werte erkennen will und wirklichem Glück zu begegnen begehrt.

Der Liebe zu Berlin hat die frustrierende Beziehung jedenfalls keinen Abbruch getan, und an eine gelingende ménage à trois glaubt Hinrek H. trotz der gegenwärtigen Voraussetzungen tatsächlich immer noch. Zunächst einmal aber möchte er sich nun der Suche und dem Finden einer neuen Beziehung widmen.

„Ich liebe diese Stadt, aber als Mieter fühlt man sich manchmal wie in einer unglücklichen ménage à trois. Viele Vermieter erwarten offenbar, dass man sich prostituiert, um eine ihrer Wohnungen mieten zu dürfen.“ Hinrek H.