Lauti

nachtfarben

Graue Seele der Ohnmacht, an vielen
Leben erfahren, in Weisheit erstarrt,
flehend um Erlösung aus Leidenschaft,
und der Tag steht mit dem Rücken zu dir,
ein Engel, taub; orangefarbener Streif,
untergehend, taucht dich in weiches Licht,
bescheint deine Innenwände. Jemand
zieht dir die brennende Haut ab. Du trägst
viele Narben. Haut, so zart, so blau,
unter viel zu dünnem Kleid, zerrissen
von eigner Hand; tief gestochne Nähte,
noch frisch, platzen auf, milchiges Sekret
rinnt entlang der Wundränder. Niemand
wagt zu befühlen. In deinem großen Kopf
leben kleine, hässliche Rattenmenschen.
Du erwachst aus tarnfarbenem Traum,
beißt einem golden scheinend Hasen
in das gedankenlose Haupt. Es bricht
auseinander, ohne Zögern, schmeckt
nach Kakaobutter, aromatisiert, rostig
metallisch; sein Geschmack entsinnt
dir Erinnerung, treibend in fauliger
Brühe – ein rahmenloser Spiegel, du.
Daraus schaut ein graues Schaf. Seine
Locken erinnern dich an niemanden
und ihn nicht an dich; sein Urteilsspruch
steht fest, ohne Klage, grün leuchtend
auf satter Wiese, auf einer Lichtung
im Wald, vor lauter Bäumen, sinnlos
wie verspätete Mahnung. Und wird dir
Grund genannt, frisch rot auf Porzellan,
vergiss nicht, warum du ihn brauchtest.
Gedärm, wund, Schnitte ins Fleisch. Du
willst immer bei dir bleiben – du wirst.
Wenn du aufwachst, ist der Himmel
voller Staub in schwerelosem Raum.
Nichts von Dauer ist, was dir gedenkt;
das höchste Glück sich dem gewährt,
der mehr geben kann als ihm genommen
ward. Dein Reich kommt, in Ewigkeit,
nachtfarben.

Berlin, Ostern 2012