Lauti

Rebelle Époque

Mein erster Schrei erklingt in meterhohem Schnee. Ich bin frei. Noch bevor ich das diffuse Licht der Welt erblicke, trifft ein fester Strahl zielsicher das saubre Gewand des diensthabenden Halbgotts in Weiß. Als sich mir die Äuglein öffnen, da sollen es Schwarze, Rote, Gelbe, Grüne sein, die es mit mir zu tun bekommen. Die rosarote Brille jedenfalls habe ich verlegt. Seither höre ich schlechter, sehe aber besser.

In langer Weile leb ich im Idyll – mit Autobahnanschluss und ohne Erziehung. Doch mal ehrlich: Es gibt Wichtigeres. Großmutter und Eltern jedenfalls geben ihr Bestes, um mir dies klar werden zu lassen, und schon steht fest: „Wenn ich groß bin, will ich Schriftsteller oder Dichter sein!“ Das „oder“ werde ich später durch ein „und“ ersetzen, im Größenwahn.

Im Sommer des Jahres 1999 startet mein „Dreamwalk Project“, doch zum Walken fehlt mir noch das passende Paar Schuhe. In meiner Heimat, wo angeblich die Freiheit wohnt, droht mir derweil eine Ausbildung als Industriekaufmann. Stattdessen werde ich Stadtneurotiker, verfasse eine Beendigungsgrundmeldung und leite ein Sinngebungsverfahren ein. Wie jedoch gelangt man jenseits der nach dem Dienen und Arbeiten strebenden Leistungsgesellschaft?

Als ich keinen Ausweg seh, lern ich Fliegen; im Berliner Osten lerne ich, dass, wer Flügel hat, andere darauf mitnehmen kann. Aus dem buntgrauen Abseits heraus die eigene Mitte finden, jenseits der Wohlfühlorte glückloser Happyness, und dabei in gesundem Zweifel bleiben, das kann nur mithilfe treuer Freunde gelingen. Den Moment unserer Begegnung vergess ich nie – im Palast, im Rathaus, auf der Straße, im besetzten Haus, am Institut, im Untergrund-Bahnhof, im Weltempfänger oder in der 4b der Grundschule Arsten, ob dort, hier oder im Sowohlalsauch – ihr seid meine Schönsten! Mit euch wurde ich, wer ich bin, zusammen können wir alles sein. „Getreten adeln wir uns selbst.“ (Cora Frost). Die Aufgabe ist klar: andere bewegen, sich gemeinsam auf den Weg machen, zur Bewegung werden und die Welt in Atem halten.

Eine Reise im Jahr 2004 bringt Unerwartetes: Im Warschauer Kulturpalast findet meine Weihe zur Ostprinzessin statt. Seither verfasse ich Gedichte und Gesänge und beschäftige mich mit freier Kunst, der Instrumentalisierung von Kultur, Macht (-missbrauch) und Manipulation. Im Sommer erobere ich den Öffentlichen Raum mit einer Tournee-Performance ohne Publikum.

Im Palast der Republik empfange ich den Samen der palatia popularis: „Lass deiner Phantasie freien Lauf! Empfang diesen Samen, damit sich in der Stadt was regt!“ Im Netzwerk abrissberlin streite ich seither landesweit an der Seite von Aufständischen und anderen Überlebenden – mit Volkes erklärtem Willen im Rücken – für den Öffentlichen Raum, ein Bethanien für alle, gegen Mediaspree und die Privatisierung des kommunalen Gemeinguts. Im Rathaus von Kreuzberg fällt der Beschluss, mich einen deutschen Herbst lang in den Sonderausschuss zu deportieren.

Seit 2007 fallen *schnuppen in die Hände und Herzen des lesenden Publikums. Jede steht für einen Wunsch. Ich lese öffentlich, singe, tanze, schreibe ein Buch – für euch.

Die Rebelle Époque hat gerade erst begonnen.
Lasst uns streiten: für Menschlichkeit, Gerechtigkeit, Soziale Wärme – in Liebe!

E. Princess

 


Ich bin der Princess, bin die Ostprinzessin, Wunder aus der Wunderwelt, Geld hab ich keins, nur Liebe, ich rette die Welt ohne den Held, radikal sozial, ganz nah am Rand, und draußen schreib ich’s an jede Wand: Menschlichkeit! Gerechtigkeit! Wer die nur bellt, nur „ich“, wer nur sich selbst gefällt, den stell ich bloß, der wird bloßgestellt. Ein Knall im All und dann nur Fall. Was können wir tun, was können wir sein? Ich sage euch: unsere Waffe ist das Licht, das Licht der Welt, das Licht, das sie erhellt, und ich sage euch, es leuchtet ein: Wir haben die Wahl, wir bringen es, wir bringen sie zu Fall! Sie? Na ist doch klar, jeder weiß: Sie wissen, alle wissen, Du weißt, und ja, wir bringen sie zu Fall! Denn ich bin die Ostprinzessin, das heißt: Wir tun es jetzt, die andere Welt beginnt sofort.