Lauti

Steiner

Steiner war kein geschwätziger Mann.

Besuchte man Steiner, dann, um seine Meinung, seine Hilfe zu erbitten. Er hatte einen Eid geschworen, dies zu tun, bedingungslos. Fortan nahm man ihn beim Wort, vertraute ihm Leben und Gesundheit an. Steiners Praxis befand sich im Bremer Stadtteil Sebaldsbrück, in einem Neubau nahe eines kleinen, öffentlichen Schlossparks. Das Wartezimmer wies im Gegensatz zu denen anderer Praxen einen beinahe quadratischen Grundriss auf; während Kinder und Eltern ringsum Platz nahmen, fand sich in der Mitte des Raumes eine weite, leere Fläche.

Steiner trug immer einen schlichten weißen Kittel, darunter beige, braune oder schwarze Cordhosen. Steiner war ein schlanker Mann und blieb es. Um seinen Hals trug er das Stethoskop, auf der Stirn eine Leuchte. Mit ihrem Lederband am Kopf wirkte er wie ein Pilot. Wenn Steiner sprach, dann klar und kraftvoll – dabei rollte er das „R“ weit hinten am Gaumen, noch tiefer sogar. Mit dem zarten Gemüt, dem zurückhaltenden Wesen meiner Mutter kam er dennoch gut zurecht, und auch das hoch aufragende Gebirge meiner Schüchternis überwand er in unbeschwertem Fluge.

Steiner scherzte nur selten, eigentlich nie, gleichwohl war er einfühlsam und freundlich, seine Diagnose hilfreich, das Therapeutikum stets angemessen. Seine in Auschwitz gewachsenen Hände berührten meinen mageren Körper sanft, aber bestimmt. Ich erinnere mich, wie sie den Corpus tasteten, die zierlichen Glieder fassten, wie dunkel behaarte, gebräunte Finger die Vorhaut zurückschoben. Vor allem aber denke ich daran, wie Steiner in meinen Körper, in mein Herz hineinhorchte. Gern würde ich in seins gesehen haben – es musste voller Kostbarkeiten gewesen sein.

Zu den Ziffern auf seinem Unterarm habe ich ihn nie befragt.