Lauti

Was bezwecken die?

„Nichts ist widerwärtiger als die Majorität; denn sie besteht aus wenigen kräftigen Vorgängern, aus Schelmen, die sich anpassen, aus Schwachen, die sich angleichen, und der Masse, die nachtrollt, ohne im mindesten zu wissen, was sie will“, meint ausgerechnet Goethe, Kronzeuge des Deutschen an sich.

In meiner Familie bin ich die mit Abstand interessanteste Person – sagt meine Familie. Doch warum sagt sie das? Natürlich könnte ich sie einfach danach fragen, aber ich möchte mich nicht noch interessanter machen, nicht auf solche Weise und im Allgemeinen auch grundsätzlich nicht, denn prinzipiell ziehe ich daraus keinerlei Gewinn. Daher hege ich den Verdacht, dass sie ihr schlechtsitzendes Kompliment einzig aus der Hoffnung heraus, dass ich ihnen daraufhin nicht mehr allzu nah und verwandt sein möge, über mich stülpt, ja womöglich glaubt sie wirklich, dass wir nicht vom gleichen Schlage wären. Eine angenehme, bequeme Anschauung wäre das, jedenfalls für die Familie, mir hingegen täte sie in den Augen weh und nicht nur dort. Solch ein Weh mit Anschluss an Herz und Hirn ist jedoch abermals nicht ganz uninteressant. – Ins Dunkel ihres Leidens leuchten sich Sterne ein besonderes Hell.

Den genügenden Abstand wahrend, lassen sich Launen und Eskapismus des im Scheinwerferlicht verbrennenden Subjekts ohne eigene Substanzverluste erleben. Es mag gar wohlige Schauer auslösen, dem Spektakel beizuwohnen. Und würde auch nur einer meiner Arme im Schatten nach Halt fischen, würden sie ihn sofort zurück ins Feuer werfen. Normalität ist nicht denkbar ohne die sich ihr erirrenden; die Normalen lassen sich ihr Normalsein nicht nehmen. Nicht dass es überhaupt eine nennenswerte Zahl mitmenschlicher Subjekte gäbe, die sich daran versuchten, ihren Artgenossen die heilig-wohle Normalexistenz zu verunglimpfen! Der Normalmensch jedoch geht lieber auf Nummer sicher und dreht den Spieß um. Dies fordert von ihm subtiles Handeln, denn er weiß längst darum, dass sich die Unnormalen eine kaum mehr überhörbare Lobby herbeigetrommelt haben, welcher er mit allzu offensichtlicher Abwehr einen Grund zum Lauterwerden bescherte.

Vertrauenskontrolle

Wer deutlich interessanter ist als die anderen, der ist so weit entfernt vom Durchschnitt, dass er bei der Verhandlung gesellschaftlicher Lebensgrundlagen schon aus statistischen Gründen keine Rolle spielt. Er mag sich mit seinesgleichen zusammenfinden, einen Geheimbund oder eine Interessengemeinschaft begründen, kleine Parzellen erstreiten und darauf exotische Gewächse pflanzen, deren Früchte er auf dem Normalmarkt feilbieten darf – im Theater, im Kunstraum oder gern auch auf der Leinwand –, doch möge er sich davor hüten, seinen Samen auf dem Acker der Normalen auszusäen. Der nicht-heimliche Kontrollrat der Norm registriert jede Abweichung, die der Kraft verdächtigt werden kann, eine Norm zu sprengen. Im Zweifelsfall klagt er die Normierung ein, im Notfall entzieht er den Abgewichenen ihre Gegenwart und ihre Zukunft; den beharrlichsten lässt er immerhin Teile ihrer Vergangenheit, am liebsten jene, die sich der Norm gegenüber als ungefährlich erwiesen haben. Der ganze Rest hat offiziell nie existiert. Die Überschreitung von gestern ist im Heute nicht viel mehr als das unscharfe Bild verblichener Gedanken.

Gelegentlich kommt der mächtige Rat nicht umhin, Konzessionen zu machen: Zu ihren Lebzeiten mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln im Rahmen gehaltene Protagonisten rebellischen Schlages, deren Werke und Wirkung nicht zu leugnen sind, nötigt er zur Huldigung, indem er sie einfach post mortem seiner Umarmung unterwirft. „Weggelobt“ werden nämlich nicht nur ausgediente Funktionäre, sondern auch die Aufrührer und Anführer ganzer Bewegungen. Manch einer Ikone verehrt der gütige Rat eine amtliche Ehrung, mithin nimmt er Versatzstücke ihres Schaffens oder Handelns in Lehrbücher auf, zeigt sich damit liberal. Und die Lebendgewürdigten? Im Normalfall erwidern sie die von ihnen seit je ersehnte Anerkennung bereitwillig, in treugesinnter Freude an der ihrem Status schmeichelnden Wertschätzung.

Diktatur der Gläubigen

Wir haben es mit fünf Gewalten zu tun: Legislative, Judikative, Exekutive und Medien – die stärkste Gewalt jedoch offenbart sich in der folgenschweren Vereinigung der Anerkennung der Norm mit der Macht ihrer Gläubigen.

Und dann gibt es auch noch soetwas wie den Wunsch, Abweichungen untereinander zu normieren bzw. das abweichende Verhalten ästhetisch zu harmonisieren: „Du, ich schmink Dich mal richtig“, bot mir eine meiner frech-forschen Weggefahren mitleidig an; bloß weil ich’s nicht tu’, denktse, dass ich’s nicht kann. Ein anderer meiner der Einfaltspinselei kundigen Lebenswegelagerer zeigte sich bass erstaunt, als ich ihm bekannte, niemals Lippenstift aufzutragen – denn: Weder liegt noch steht mir das. Nicht-abwischbare Abweichungen sind mir ungleich lieber, wiewohl gerade diese offenkundig den beharrlichsten Widerständen ausgesetzt sind. Verrückt spielen vermag jeder, wenn er will – wann, wo und wie er möchte –, originäre Abtrift hingegen ist derart konsistent und durchschlägig, dass sie weder einer Anerkennung noch besonderen Ausdrucks bedarf, um sich ihrer selbst und der ihr innewohnenden Kräfte versichert zu sein.

Better think twice: Enttäusche dich!

Alle über einen Kamm zu scheren, ist gemeinhin von größerem Nutzen, ja höherer Effizienz: Es erleichtert die Arbeit, entlastet das Auge vom lästigen Einzelfall und beugt überdies jedweder Täuschung vor, so dass jene, die es tun – derart simplifiziert –, keiner Enttäuschung mehr bedürfen. Im Grunde bezeichnet dies einen Todesschlaf sinnlicher und seelischer Wahrnehmung. Doch ist dieser in einer Welt wie unserer nicht durchaus von Vorteil? „Sei demütig“, riet mir ein allzu wohlmeinender Knabe und hieß mich „Worttrickser“, als ich antwortete: Man sollte nicht in die Demut gedemütigt werden.