Lauti

What about destruction?

 

 

(Teil 3 der gleichnamigen Trilogie)

Die Zeit, sie rinnt mir zwischen Mittel- und Zeigefinger hindurch. Den geilen Gaul „Leben“ satteln – entdecke die Möglichkeiten: mit 26 Jahren, da fängt das Sterben an, mit 26 Jahren, da hat man Spaß daran. Gestern erst, so scheint's, kotzte mir der reiterlose Gaul in den Kopf. Seinen verlor er unlängst bei einer Haverie nahe der Küste. In der Fäulnis seiner Hirnmasse nisten Larven. Tote Fische schwemmen in die Schädelhöhle. Auf einer Sandbank liegen Schweine in der Sonne, blass, und schlürfen dunkle Limonade. Sie machen sich lustig. Ein knorriger Zweig bäumt sich – mühsam –, ein letzter trüber Tropfen perlt. Saure Milch tropft mir auf die nackten Füße. Die Quelle versiegt. Was für eine schaurige Wohltat es sein muss, am Ende auf seine Frucht herabzublicken: Grapefruit! Das Fallobst vom Stammbaum gerüttelt, den Tod genarrt, der Endlichkeit ein Schnippchen geschlagen. (leises Kichern nur, aus dem Off; die Jenseit’jen war'n och schon ma’ spöttischer, wa)

Die Süßen ins Töpfchen, die Sauren ins Kröpfchen: eine einfache Regel beim Sortieren von Humankapital. Was sich nicht selbst entzündet, wird prophylaktisch ins Fegefeuer geworfen. Die Erwerbsarbeit soll uns gerade soviel Luft zum Atmen lassen, dass unsere Konsumflamme nicht erlischt. Unablässiger Kopfschmerz gehört dann noch zu den bequemeren Leiden – brennende Warenhäuser sind als Heilmittel aus der Mode gekommen. Hat uns unser Gott, das Geld, nicht ein preiswerteres Leben versprochen!?

Mein Therapeut beißt sich die Zähne an mir aus. Ob ich mich in einem fallengelassenen Streichholz identifiziere oder als Feuerzeug generiere, das bei jedem Gebrauch einen Schluck seiner Tanklast abgibt, sei wahrlich keiner ausführlicheren Ermittlung zu unterwerfen, hatte ich ihm bereits im Vorgespräch eröffnet. Seither richtet er Metaphern auf mich wie ein Jäger sein Gewehr, kurz vor dem allerletzten Quieken der allerletzten Wildsau, die ihm vor den Lauf humpelt. Lustig leben nur die, die ihre Beute abknallen, bevor ihnen ein Tropfen Moral aus einer ihrer verdörrten Hirnritzen rinnt.

Es gibt keine zerrisseneren Menschen als Schauspieler. Spiele ich schon oder bin ich noch? Die Antwort steht im Drehbuch. Wer hat's geschrieben? Er schwängert eine grimmige Lesbe. Wow, schon wieder ein Tabu gebrochen. Schaut her, schaut her, mein Schwanz kann Kunststücke! Aus jedem Satz quillt die unzähmbare Dürftigkeit der schamlosen Ausbeuter. Schauspieler sind echte Opfer. Wenn sie der Hirnkrebs nicht rechtzeitig erlöst, machen sie die Beine breit, bis es leckt. Hier stimmen die Gewaltverhältnisse noch, nur ihr Ausdruck variiert – Künstler eben, virtuos.

Neulich: Eine Geisteswissenschaftlerin tritt vor die versammelte Liga altehrwürdiger Politiker. Ein herrenloser Hund und ein Arbeitgeberpräsident stehen vor der Bühne. Der Hund lächelt freundlich. Der Raum wird abgedunkelt, die Wissenschaftlerin schreitet zum Pult. Spot an! Unter ihrem Schleier flackert frische Lust aus finsteren Augenhöhlen; es blitzt der Verstand. „TeilzeitSklaven im FreizeitTerror“, so der schmissige Titel ihres Vortrags. Was
wir nicht wissen, weiß niemand – so wurde es immer schon gehalten. Politiker sind die am intensivsten überschätzte Rasse unter den unanständigen Lebewesen. Der Hund wurde ins Tierheim entführt. Der Sprengsatz zündete zu früh. Es ist zu spät für lange Diskussionen.

Berlin, im September 2012, Sonntag, 16.30 Uhr Ortszeit: Ein Feuerwerk-Event bislang ungekannten Ausmaßes erleuchtet den eigens hierfür eingeschwärzten Himmel. Doch pharmazeutische Modifikation entfesselt eine Serie überaus tragischer Ereignisse. Toxische Asche begräbt die Festtribüne der very important persons unter sich. Verletzt wird niemand, niemand wichtiges. Nur der Abendpost ist die Sache einen Dreizeiler wert. Unter der bestürzenden Überschrift „City lahmgelegt: stundenlanges Verkehrschaos nach Jubelfeier“ ist zu lesen, dass ein „Unglück“, bei welchem „das Stadtkabinett“ sowie „die Elite der Stadt“ ums Leben gekommen sei, ein „politisches Vakuum“ ausgelöst habe.

Ein uns quälendes Vakuum? Gewiss nicht. Das Volk reagiert besonnen; alles geht seinen gewohnten Gang. Das Rathaus wird in das benachbarte Einkaufszentrum integriert, das Abgeordnetenhaus zur „Privatuniversität für konstitutionelle Demokratie“ umgewidmet; in die anderen Headquarters ziehen Hostels ein. Nur wenige missen die frühere Ordnung. Erst als ein Gütersloher Konzern seine Pläne zur Einsetzung eines neuen Stadtvorstands bekanntmacht, regt sich Widerstand. Auf dem Höhepunkt erbitterter Kämpfe wird eine gutaussehende Stadtguerilliera, ein Mädchen von unten, zur Heilsbringerin erkoren. Bereits ihr erster Auftritt vor der Masse der Gläubigen gerät zu einer Zeitenwende von Woodstock-Dimension. Zur Verblüffung des Auditoriums spricht La Ostprinzessin Tacheles, fließend. Um es kurz zu machen: Diese Sprache erwies sich als ausgerottet – besiegelt mit dem kurze Zeit darauf erfolgten Freitod der Prinzessin.

Ja was hattet ihr denn gedacht! Dass die Revolution beginnt? Bertelsmann und McKinsey haben übernommen. Der Senat ist zurückgekehrt, als Vorstandskabinett untoter Zöglinge. Nun hofft man auf das nächste Feuerwerk, auf die nächste Heilsbringerin usw. usf.; in den ganz großen Hamsterrädern fallen die Wiederholungen kaum mehr auf.

Als sie ihre ersten Lachfalten entdeckte, verlor sie jede Angst vor der Destruktion. Niemand außer ihr hat je Kriege bis zum Roten Knopf geführt.