Lauti

Wo ist Ingeborg?

Das kann man nicht in einem Satz erklären? Doch!

Nun, wo also mag sie geblieben sein, unsere einer evangelischen Landpfarrerin nicht ganz unähnliche, verehrte Frau Senatorin und geschätzte Patronin für Investorenterror und Verkehrslawinen? Denn wie wollten, wie könnten wir ohne sie weitergehen!

Ist Ingeborg Junge-Reyer auf einer der ehemals verwunschenen Brachen versehentlich unter die Planierraupe geraten, zerhäckselt, püriert und als „weicher Faktor“ an einem frisch renovierten nationalsozialistischen „Schwerbelastungskörper“ verfugt worden, gar als feinkörniger Zierrasendünger am Wegesrand geendet, oder wurde sie auf eine liegengelassene Kabelrolle gewickelt, die Schienen entlanggerollt, im zugigen Gleisdreieck als Vogelscheuche zwischengenutzt, geteert und gefedert im Sony Center ausgestellt, im Schlepptau eines Wagenplatztraktors die Leipziger Straße entlanggeschleift, auf dem Schlossplatz nach historischem Vorbild gesteinigt und hernach unter „Ah“- und „Oh“-Rufen in der Media-Spree versenkt, dann aber doch – aus ökologischer Motivation – geborgen, rekonstruiert und zur vollständigen Verwesung an eine der neuartig postmodernen Straßenlaternen am Alex geknüpft, als Touristenattraktion an einer Autobahnraststätte in mundgerechten Filetstücken ausverkauft, pulverisiert dem Betonfundament einer neuen „Stadtkrone“ beigegeben und – geweißt – bei der Kalkung von Wänden ehemals besetzter Häuser in Wert gesetzt, möglicherweise aber auch zur Rattenfütterung in der Dussmann-Villa verstreut und über ein auf die Flurfliesen gepinseltes frühzeitliches Stadtraster gefeudelt, vielleicht aber auch einfach nur mittels eines zur Miniaturabrissbirne umgeschnitzten Apfels vergiftet, ausgestopft – als Voodoopuppe – nach Westafrika privatisiert, von einem umstrukturierten Osterei in die Luft gesprengt, oder vor der O2 World von einem stark überportionierten Molotowcocktail zum Mond hinaufgeschossen, stattdessen womöglich aber von zuvorkommenden Passanten, Gentrifizierungsgegnern oder einer fürsorglichen Berlinliebhaberin zärtlich erwürgt, an einer 08/15-Bushalte vergessen, dann von japanischen Touristen adoptiert, einer ehrhaften Erziehung unterzogen und zu dem ihr angemessenen, schuldbewussten Freitod motiviert, jedoch im Sinne einer Würdigung ihres verdienstvollen, segensreichen Schaffens in allerletzter Minute reanimiert und anschließend bei lebendigem Leibe pompös feierlich, zu den ach lieblichen Klängen einer ihrer obszön optimistischen Sonntagsreden, tief in der braunen Erde des Tempelhofer Feldes verscharrt?

Man weiß es nicht, und das ist auch gut so.