Homo Automaticus

Einzigartige Darbietung, angenehm verrückt. Für Sprachbegeisterte ein Fest. Im Theaterdiscounter.

„Jenseits des öden Diskursboulevards suche ich Abkürzungen des Denkens. Ich will nicht den Menschen auftreten sehen, zurückgesetzt auf die psychologische Norm, sondern einen Fremden, ein gefährliches Tier.“ Valère Novarina im Gespräch mit Frank Raddatz

homo-automaticusTexte von Valère Novarina sprengen alle Gattungsgrenzen, sie sind performativer Selbstversuch in einem exzessiven Akt, der den Ansatz des „automatischen Schreibens“ der Surrealisten ins Maßlose weiterführt. Novarina versteht Schreiben nicht als intellektuelle Tätigkeit, sondern als Körpertechnik gegen die Sprache, als zerstörerische Befreiung von der bedeutungszentrierten Norm.

homo_automaticusAdramelech ist in der christlichen Dämonologie der Garderobier Satans, Kanzler der höllischen Regionen und propagiert als Vorsitzender des hohen Rats der Teufel einen erneuten Krieg gegen den Himmel. In mehrstimmigen labyrinthischen Selbstdialogen durchpflügt Novarina den anarchischen Boden der Sprache, schleudert Wortschöpfungen zutage und hebelt Grammatiken aus: „Art Brut“ von größter Vitalität.

Der „Monolog des Adramelech“ ist der Anfang einer beispiellosen Erfolgsgeschichte im französischen und internationalen Theater. Nachgespielt von Mailand bis Los Angeles, öffnet sich diese performative Begegnung von Schauspieler und Sprache erstmals auch für deutschsprachige Ohren. Leopold von Verschuer ist in Personalunion Übersetzer, Regisseur und Schauspieler dieser kühnen Übertragung.

Small Town Boy

Überraschend humorvoll, hart und zart zugleich, zauberhaft und allzu real, kurzum: außerordentlich begeisternd; und weitaus überzeugender als das Diskursgeschwätz des Einführungstexts vermuten lässt. Danke, Falk Richter! Besonders erfreulich: Mehmet Ateşçi. Im Gorki.

„You leave in the morning with everything you own… Run away, turn away, run away, turn away, run away.“ So besangen Bronski Beat die Flucht eines Jungen aus einer engen Welt von versagter Anerkennung und Unterdrückung in die ferne große, freie Stadt: London, New York, Berlin… Diese Metropolen waren und sind der Ort, an dem sich Menschen neu finden und erfinden können, traditionelle Rollen und Bilder verweigern und in Fragestellen, ihre Zugehörigkeiten neu aushandeln, Partnerschaft und Familie neu definieren, all das ausprobieren, was ihnen die Familie Zuhause verweigert hat, zu leben. Kann man anders Mann sein? Anders Frau? Kann man aufhören Sohn oder Tochter zu sein? Kann man Herrschaft verweigern und anders lieben und leben? Die Liebe und wie sie gelebt werden soll, scheint weiterhin das diskursive Schlachtfeld der Stunde zu sein, auf dem viele gegenwärtige Konflikte um geschlechtliche, sexuelle und kulturelle Identitäten in unserem alltäglichen Leben ausgetragen werden. Was kann und soll ein „Mann“, eine „Frau“ heute sein? Wie definiert sich in Zukunft Familie, wie Nation und Zugehörigkeit? Falk Richter erkundet mit dem Ensemble des Gorki in diesem Rechercheprojekt die Frage, was passiert, wenn auch die jungen Männer aus dem Patriarchat aussteigen.
Mehmet Ateşçi, Niels Bormann, Lea Draeger, Aleksandar Radenković, Thomas Wodianka; Regie: Falk Richter, Bühne + Kostüme: Katrin Hoffmann, Musik: Matthias Grübel, Licht: Carsten Sander, Dramaturgie: Jens Hillje, Daniel Richter.

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Klub der einsamen Herzen

Was kommt dabei heraus, wenn man – als Hommage an bessere Zeiten – Problemanalyse und Problemlösung allein mit Beatles-Texten bestreitet? Ein Rückzugsort der Vereinzelten, der Gestrandeten und von Sehnsucht Getriebenen.

Der Klub der einsamen Herzen ist die neue Produktion von Theater Plan B und eine Selbsthilfegruppe der besonderen Art: Drei ältere Männer verstricken sich in einem schonungslosen Talking Cure, um in den Worten des Sgt. Pepper Bewältigungsstrategien für Einsamkeit und Frust „männlichen Alltags“ zu finden.

1967 erschien mit „Sgt. Pepper´s Lonely Hearts Club Band“ das achte Studioalbum der Beatles. Es gilt als eines der ersten Konzeptalben der Popmusik und hat unser Leben begleitet. Die zwölf Songs des Albums erzählen sehr unterschiedliche Geschichten, Miniaturen, mal kleine Alltagsbeschreibungen, mal skurrile und psychedelisch anmutende Stimmungsbilder, mal Kurzgeschichten mit komplexen Vorgängen und klar gezeichneten Figuren.

Im Klub der einsamen Herzen werden diese Songtexte real: Situationsbeschreibungen, Beichten, Wunschfantasien.

Lebensbewältigung auf Basis von Lyrics. Nicht gesungen und auf Deutsch. Mit Karl-Heinz Ahlers, Thomas Esser, Hartmut Fiegen, Regie: Chris Weinheimer.

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Im Theaterdiscounter.