Kiezspaz versenkt Mediaspree

Siehe da! Der gestrige Kiezspaziergang im „Mediaspree“-Gebiet hat das Wetter motiviert, „Mediaspree“ zu versenken – mit viel Nass von oben. Etwa 100 Menschen kannten ebenfalls kein Erbarmen.

Motiviert schien zunächst auch die Polizei: Die den Spazierenden zur Seite gestellten Einheiten – mit einem guten Dutzend Fahrzeugen, Hundestaffel, Vorkontrollen und Durchsuchungen – haben diese sicher und mit viel Aufwand durch Friedrichshain und Kreuzberg geleitet. Unternehmen wie Universal, MTV oder Allianz wurde ein besonderer Schutz zuteil. Kläffende Hunde und nervöse Absperrungen werden sicher ihren Grund gehabt haben, denn die Demonstrierenden waren immerhin mit Regenschirmen und poltischem Engagement bewaffnet. Letzteres macht so Einigen in der Politik zu schaffen. Außerdem gesellte sich auch ein kürzlich unfreiwillig bekannt gewordener Sozialwissenschaftler zum Kiezspaziergang – mit Töchterchen auf dem Arm, den Kinderwagen der terroristischen Vereinigung der Familie schiebend. Sehr verdächtig!

Einmal mehr verfestigte sich der Eindruck, dass auch deshalb irgendetwas faul sein muss an der Media-Spree, weil mit so großem Widerstandspotential gerechnet wird. – Nächstes Mal dann! Vielleicht schon mit ein paar tausend Unterschriften des „Bürgerbegehren Spreeufer für Alle“ im Rücken?

Beim letzten Mal regnete es nicht und die Fahrradrallye davor war auch toll!

Beginn am RAW, Revaler Straße Spreeufer neu denken - Mediaspree versenken McDonald's ist nicht so beliebt... Kiezspaziergang in der Warschauer Straße Vor Universal: Freude schenken - Enteignung denken Ostprinzessin am Osthafenspeicher Martialischer Schutz für MTV Jedes Gebäude wird bewacht... Schutz für schlecht vermietetes Allianz-Hochhaus
Mehr Informationen auch hier: Mediaspree Versenken

Allerweltskabarett & Chansonödnis

oder: Pigor & Eichhorn, Volumen 6

Pigor und EichhornPigor und EichhornPigor und Eichhorn

Von diesen Künstlern hat man schon öfter mal gehört, wenn man sich für die sog. Kleinkunstszene interessiert – und entsprechend gespannt darf man sein, wenn Pigor und Eichhorn zu ihrem aktuellen Programm in die Bar Jeder Vernunft laden. Um gute Plätze zu ergattern, empfiehlt sich frühes Kommen. So sitzen die Ostprinzessin und das Westmonster also eine ganze Weile vorher dort und speisen. Das Essen – billig ist es sicher nicht – überzeugt. Irgendwann dann treten drei Herren auf die Bühne, bereiten noch irgendetwas vor und schauen sich im Publikum um. Ohne große Spannung beginnt nach einiger Zeit der Verwirrung die Show.

Aber was geht nun vor sich? Das Publikum scheint ganz überwiegend amüsiert und belustigt. O.: „Aber bei mir wollte sich dieser fröhliche Zustand einfach nicht einstellen.“ Vor der ersten Pause dann ein Hoffnungsschimmer, der aber – wie sich später herausstellen wird – bereits den Höhepunkt des Programms markiert: Der mit revolutionärem Eifer vorgetragene Song „Nieder mit IT“ entlässt auch Opri und Wemo munter in eine ausgedehnte erste Pause, in der dem Publikum billiger Wodka gereicht wird. Danach dann geht es überraschend schleppend und zäh voran, doch Viele im Publikum scheinen dennoch gebannt an Pigors Lippen zu kleben. O.: „Wir begannen, uns von den Hoffnungen zu verabschieden, die wir mit dem Kreativgeist Pigor verbunden hatten.“ An Fertigkeiten und Präsenz mangelt es ihm sicher nicht, aber in diesem Programm jagt ein Allerweltsthema das nächste. Persiflage und Kabarett? – Fehlanzeige. Aber das Publikum bleibt wie es ist: Vergnügt. Nur einige Wenige schauen weniger angetan drein. Schließlich aber wird sogar jubiliert. Vielleicht hat nun der Wodka angeschlagen.

O.: „Ich hatte das Wodkaglas nicht angerührt, höchstens kurz mal genippt.“ Was für Opri und Wemo zunächst nach gedämpfter Begeisterung und enttäuschter Erwartung aussieht, gerät nun zunehmend zum quälenden Ärgernis. O.: „Die Pointen waren unsäglich unspektakulär und auch noch ernstgemeint.“ Nein, Trash wollten Pigor & Eichhorn nicht produzieren. O.: „Schade, denn vielleicht hätte das funktioniert.“ Stattdessen häufen sich die unbedeutenden Themen, auf Massenbelustigung zugeschnitten. Einer der am häufigsten gebrauchten Begriffe: Deutsch. Das Publikum fordert Zugaben.

Besonders enttäuschend ist, dass in diesem Programm so sehr auf Belanglosem herumgeritten wird. O.: „Rumgeritten, totgeritten – tschüss! Das hätte auch in Fulda oder Altötting sein können, wozu also Berlin? Wenigstens der Salat war gut.“ W.: „Aber dafür können die ja nix“. Inhaltliche Struktur des „Pigor & Eichhorn“-Programms: „Vorurteil, Vorurteil, Vorurteil.“ (O.)

Pigor, mach uns noch mal den da! O.: „Nein, bitte nicht!“

Pigor & Eichhorn Salat Ziege

Senatorin meets Prinzessin

In zufälligem Rahmen traf mit mir in Berlins touristischer Mitte vor einigen Tagen eine Senatorin des Berliner Senats zu zwanglosen Gesprächen zusammen, während derer die Frau Senatorin so ausgiebig wie hemmungs- und bedenkenlos berlinerte.

Nachdem sie vor zwei Jahren zur Senatorin gekürt worden war, war sie das einzige Mitglied der Berliner Regierungsriege, welches berlinerte. Dies galt als Erkennungs- und Markenzeichen, das der ihrerseits gewählten Proklamation, den Boden unter den Füßen nicht verlieren zu wollen, vortrefflichen Ausdruck verlieh.

Öffentlich berlinert Frau Senatorin mittlerweile nicht mehr.

Unsere Unterhaltung nahm ihren Lauf. Nach einigen Erörterungen der politischen Lage in Berlin, deren Schwerpunkt sich im Thema „Macht und Manipulation“ bildete und dabei die Themen „Privatisierung“, „Kalkulatorische Kosten“ und „Volksbegehren“ sowie verschiedene weitere Bereiche der Stadtentwicklungspolitik umfasste, zeigte sich die Senatorin überaus angetan: „Ick merke schon: wir mögen uns besonders.“

Ihre Worte entbehrten einer gewissen Ironie nicht. Hinsichtlich dieser Äußerung der geehrten Frau Senatorin schätze ich mich daher in außerordentlichem Maße froh, mitunter sogar glücklich, etwaige Missverständnisse oder Ungenauigkeiten, die im Zuge unserer Gespräche eventuell hätten auftreten mögen, bereits nach kürzester Zeit ausgeschlossen und der Frau Senatsmitglied deutlich und wiederholend für ihre bemerkenswert entschlossene Mitwirkung an der unheilvollen Politik des Senats die ihr gebührende Anerkennung entgegengebracht zu haben.

Frau Senatorin Lompscher wollte oder konnte sich zu den inhaltlichen Ergebnissen der Unterredung bislang nicht äußern.

Mitschnitt Ziviler Ungehorsam

„Wer hat hier die Macht und wie geht er damit um?“

Wir wollen kein Stadtschloss, keine Kopie, keine Schlossfassaden, keine Erinnerungskulisse. Wir – das sind die Berliner, die von den selbsternannten Schlossbeauftragten nie gefragt wurden, in Umfragen aber ein Stadtschloss regelmäßig ablehnen. Bereits die Berliner vergangener Zeiten haben das Stadtschloss großenteils nicht gewollt, haben die Baustelle Spree-geflutet, um ein Zeichen zu setzen. Das ist nun Jahrhunderte her, doch die Spree fließt immer nach wie vor, und frech und kreativ sind viele Berliner auch heute noch…

Haben eigentlich nur die von „Großmannssehnsucht“, Geschichtsklitterung und Kapitalinteressen unbeeindruckten („verschonten“ kann man sicher nicht sagen) Menschen noch Visionen jenseits der Planungen zu einem „Humboldt-Forum“? Und warum ziehen die, die ein sog. heiles Stadtbild präferieren, eigentlich nach Berlin? Ich sage mal: Regensburg hieße euch willkommen!

Zur Erinnerung: MP3-Live-Mitschnitt „Wer hat hier die Macht und wie geht er damit um?“; Bebilderung der Aktion: Offener Brief an den Senat (ABRISSBERLIN).

Mitmischen (im)possible - Ostprinzessin am Rosa-Luxemburg-Platz
Foto: Editha Künzel

mit-mischen (im)possible? – Die Konstituierung der Stadtgesellschaft – Stadtforum Berlin 2020“ im Filmkunsthaus Babylon am Rosa-Luxemburg-Platz:

Wer einmal eine Alibi-Veranstaltung par excellence erleben möchte, der besuche einfach ein sog. „Stadtforum“ aus dem geschätzten Hause der Stadtentwicklungssenatorin Junge-Reyer. Vor etwa 400 Gästen fand sie klare Worte. Zu Beginn des Live-Mitschnitts ist die „Auszeichnung für Ignoranz“ zu hören, verliehen vom Palastbündnis, danach der Anfang der Rede der Senatorin, welche hier versehentlich die Wahrheit spricht…

Bündnis für den Palast

„Der Großen Hochmut wird sich legen, wenn unsre Kriecherei sich legt.“ nach Gottlieb August Bürger

Heiligendamm: Trauma und Erweckung

Die Sonne scheint ausgiebig, der Himmel ist heiter, die Landschaft wundervoll, und Angst ist ohnehin Deine ständige Begleiterin, und bekanntermaßen ist sie ja ein Überlebensinstinkt. Die Einheimischen erscheinen Dir sympathisch, die Menschen im übervollen Camp mal so und mal nicht so, für die Einsatzkräfte der Polizei gilt dasselbe, und die Lage der Welt ist nicht besser und nicht schlechter als vorige Woche. Doch irgendetwas ist ganz anders in diesen Tagen. Es ist G8 und die Vorsitzende des gerade vorsitzenden Landes hat nach Heiligendamm geladen. Im Zeichen der Angst der Mächtigen gegenüber denen, die zu „ihrer“ Bevölkerung zählen, wurde der Ort eingezäunt. Tausende Kritiker wurden bereits vor den Protesten kriminalisiert. Polizei und Militär sind im Dauereinsatz. Irgendein Gefühl, dass Du noch nicht gekannt hast, hat Dich hierher getrieben. Du wolltest es mittendrin erleben, ohne zu wissen, was das bedeuten würde. Was Du dann tatsächlich erlebt hast, hat Dich in vielerlei Hinsicht tief erschüttert.

Heute, einhundert Tage später, hast Du noch immer das himmlische Geräusch im Ohr, das permanente Kreisen der Helikopter, sobald Du an Heiligendamm denkst. Sie flogen am Tag und in der Nacht. Tagsüber kreisten sie einzeln, zu zweit oder zu sechst über Dir und in den Nächten stand ein Helikopter im Himmel, tief über dem Camp, um halb drei und dann um fünf nochmal, jeweils zehn Minuten lang. Schon den ganzen Tag und die halbe Nacht über waren die Helikopter im Einsatz über dem Camp und um das Camp herum gewesen. Nachts dann riss dies Tausende aus dem Schlaf. Angst und Unsicherheit wichen dem nächtlichen Frieden. Unten – im Zelt liegend – versteht man sofort, was der Zweck und was die Botschaft ist. Das unmittelbare Ziel des Einsatzes ist Folter durch Schlafentzug. Eine Entschuldigung dafür findet sich in Dir auch nach langem Nachdenken und Abwägen nicht. Dieses Zeichen der Erbarmungslosigkeit hat sich tief in Dich eingraviert.

Die enervierende Geräuschkulisse stellt jedoch nur das halbe Vergnügen dar, auch Bilder haben sich in Dich eingebrannt. Nie zuvor hast Du derart viele und aufgeregt hin- und herfahrende und auf allen Wegen, Um- und Unwegen erscheinende Polizeifahrzeuge erlebt, nie zuvor wurdest Du im freien Gelände verfolgt und gejagt, auf den Äckern, an Waldesrändern, auf dem Deich, am Ostseestrand, im Zeltlager, auf der Straße, auf den kleinen Abzweigen, zwischen Schafgeblök und Grillenzirpen, weit vor den Zäunen, Toren und bis an die Zähne bewaffneten Einheiten mit Schießbefehl, die den G8-Tagungsort Heiligendamm wie eine Festung sicherten und kilometerweit gegen jedwede Störung abschirmten. Noch Wochen nach Deiner Rückkehr in die vermeintlich friedsame Heimat siehst Du Mannschaftswagen, vor Dir fahrend oder stehend oder entgegenkommend,  sobald Du die Augen schließt. Das Gefühl dazu legt sich über all Deine sonstigen Empfindungen wie Mehltau. Vor deinen Augenn sind die Bilder präsent, sobald Du an Heiligendamm erinnert bist. Du denkst an den Hass und die Verachtung in den Gesichtern der mit willkürlichen Absperrungen betrauten und vor ihren gewalttätigen Räumungseinsätzen stehenden Einsatzkräfte. Du erinnerst Dich an die Rambos ebenso wie an jene Männer, die dem Anschein nach einer Boygroup hätten entsprungen sein können. Diese Gedanken verdunkeln Dein Gemüt, denn Du denkst an die Selbstverständlichkeit, mit der sie ihren Hass verbal bekräftigten: „Das müssen wir noch alles wegräumen“, sagte der eine und schon warst Du jeglicher Menschenwürde beraubt.

Gemeinsam mit hunderten anderer betrittst Du die idyllische Bühne eines gewaltigen Schauspiels. Du überquerst die sanften Hügel der Sommerwiesen, die in der Sonne leuchtenden Felder, überwindest Stacheldraht und Gräben, änderst Deinen Kurs, sobald Deine Verfolger Dir zu nahe kommen. Am Ende gelangst Du an das Osttor des mächtigen Zauns, der den Ort Heiligendamm weiträumig abriegelt. Immer mehr Menschen gelangen auf provisorischen Wegen an das scharf bewachte Tor. Auf der Zufahrtsstraße versammelt sich die immer weiter anwachsende Menge, informiert und berät sich, hält einander fest. Viele sitzen oder liegen erschöpft auf dem Asphalt. Gelegentlich streifen Einsatzkräfte in voller Montur durch die Masse, um dann wenig später den Rückweg anzutreten. Manchmal preschen sie mitten durch die verunsicherte Menge, andere Male patroullieren sie am Rand. Räumpanzer und Wasserwerfer werden in Stellung gebracht. Aus Megafonen und Lautsprechern tönen strikte Aufforderungen; die Durchsagen werden von Mal zu Mal martialischer.  Zwei Helikopter kreisen bereits seit Stunden über euch. Plötzlich landen im hohen Gras einer angrenzenden Wiese sechs Helikopter. Einsatzmannschaften steigen aus und laufen auf die Menge zu. Ihre Montur, die Schlagstöcke, die lauten Motoren verschaffen sich zweifelhaften Respekt. Doch diesmal blufft die Staatsmacht nur. Nachdem die Kämpfer wieder abgezogen sind, erscheint Kavallerie. In einer Reihe von neun Pferden sitzen wiederum Herren in voller Montur. Und wieder fragst Du Dich, was in den nächsten Momenten geschehen wird. Die Reiter erscheinen Dir bedrohlich, der Himmel trägt Spannung, was währenddessen an den Flanken geschieht, weißt Du nicht.

Aus intellektueller Distanz heraus mag man die gewaltvollen Eingriffe der Staatsmacht als lachhafte Muskelspiele abtun wollen, denn „umso lächerlicher stand sie da mit ihrem überzogen militanten und gewaltbereiten Apparat“, so ein Berliner Kommunikationswissenschaftler. Zum Lachen aber animiert nichts, während sich die unmittelbare Praxis vollzieht. Keiner jener Eindrücke erweist sich als unbedeutend, alles daran ist so bedrohlich und so wesentlich wie es erscheint, wenn Gefahr, Angst und adrenalingeschwängerte Unsicherheit um sich greifen. Und dann kehrst Du mit einem Gefühl heim, das Du vorher nicht gekannt hast, dem Du allerdings zutraust, Deine ganze Existenz verändert zu haben. Denn das war Krieg, ohne Bomben, ohne Schusswaffeneinsatz – fast –, ohne Tote zwar – noch –, doch nichts kann verleugnen: Ein Staat führt Krieg, Krieg gegen Dich, gegen Euch.

Mittendrin wolltest Du sein, ahntest Du ja nicht, was dies bedeuten würde. Eure Bewegung der Bewegungen sahst Du dort, hast sie erlebt, sie verstanden; auch vieles andere hast Du nun begriffen, und lang hast Du gewartet, tief nachfühlend, um von einigen der Vorgänge um Heiligendamm ohne Hass und ohne überzogene Verachtung erzählen zu können.

NO G8 - Spazierengehen im Nachbarort Börgerende Heiligendamm bewachen Willkommen heißen Campen in Reddelich Planen - im Park von Bad Doberan Querfeldein dem Ziel entgegen... Hindernisse überwinden Straßen sperren, hinter den Linien Blockieren, am Osttor Am Zaun filmen, wie man gefilmt wird Der Kavallerie entgegensehen ... und Helikoptern.

Gewalt ja, nein, vielleicht?

Eine (neue) Gewalt-Debatte ist so nötig wie eh und je, doch es gibt einen (wieder) zunehmenden Bedarf für eine solche Debatte. „Demokratie – langweilig wird sie nie“, sang Andreas Dorau 1988. Aber genau das droht sie zu werden, Vielen ist sie’s schon längst – und eigentlich leben wir ja sowieso nicht in einer Demokratie, sondern nur in einer Repräsentation von Mehrheitsinteressen, die aber in einem Zeitalter fast ungebremster Macht von Kapitalinteressen – über Politik, Wirtschaft, Konsum, Kultur und Medien – wohl eher als fremd- denn als selbstgelenkt angesehen werden müssen.

Vehemenz der OstprinzessinVehemenz der OstprinzessinVehemenz der OstprinzessinVehemenz der OstprinzessinVehemenz der OstprinzessinVehemenz der Ostprinzessin

Gewalt ja! Gewalt haben wir (oder eben nicht) – die Gewalt über unser Leben, über unser Handeln, über unsere Träume. Oder haben wir sie verloren – vielleicht auch nie gehabt? Aber: Wir streben nach dieser Gewalt.

Wer in unserem Namen Gewalt ausüben will, der muss mit unserer Gewalt rechnen – mit unserer Gewalt über uns. Gewalt über sich zu haben, bedeutet auch die bewusste Entscheidung für oder gegen eine Sache – eine Entscheidung des freien Willens (Selbstgewalt). Ich will das an einem Beispiel verdeutlichen: In Afghanistan werden Militäreinheiten eingesetzt, die dort in unserem Namen Politik durchsetzen. Gefragt hat uns niemand – niemand hat gefragt, ob wir in einem sog. Staat zusammengefasst sein wollen, niemand hat gefragt, ob wir unter dieser Zwangszusammenfassung die von den Zwangszusammenfassungsorganen getroffenen Entscheidungen mittragen wollen. Wir haben sie einfach schweigend mitzutragen. Wer allzu munter aus dem staatlichen Kollektiv tanzt, der riskiert nicht nur seine „bürgerlichen Rechte“, nein, der kann auch damit rechnen, dass er seine Menschenrechte einbüßt. Im nebeligen Übergang der Menschenrechte in die „Bürgerrechte“ befindet sich ein übergreifender Zwischenraum, in dem schlichtweg der Gewalt-Stärkere bestimmt – nicht der, der mehr Gewalt über sich selbst hat, sondern der, der mehr Gewalt über Andere hat. Diese Bestimmung über Andere ist gerade in diesem Zwischenraum eine Fremdbestimmung besonders übler Natur, weil sie nur über Gewalttätigkeit (staatl. Repression durch entsprechende Aktivierung von Behörden, Polizei, BKA, Geheimdienst, Militär etc.) aufrecht zu erhalten ist, vor Allem aber deshalb, weil sie den Unterschied zwischen „meiner Meinung“ und einer „Zwangskollektiv-Meinung“ zu verwischen bzw. zu unterbinden versucht. Dies ist zwar ein aussichtsloses Unterfangen, dennoch erzeugt dieser Unterbindungsversuch (Gegen-) Gewalt.

Ich will hier gleich sagen: Der Einwand, dass es in einer „Demokratie“ immer möglich sei, eine abweichende Meinung zu artikulieren, wird erstens durch immer (neue) Erfindungen zur direkten Unterdrückung eben dieser (Demonstrationseinschränkungen, willkürliche und repressive Ermittlungsverfahren, Verhaftungen, politische Justiz), zur Nicht-Verbreitung (Stichwort Medien-Gleichschaltung) und zur Negierung (Forderung der Akzeptanz einer Mehrheitsentscheidung) widerlegt und ist zweitens für die unterlegene Minderheit irrelevant, weil das „demokratische“ Ergebnis insofern unbefriedigend ausfällt, als dass es die Minderheitsmeinung zu absorbieren versucht. Daher ist es von je her so, dass eine kluge (Selbst-) Lenkung einer tatsächlichen Demokratie (oder auch einer „Demokratie“) darin besteht, die Minderheitsinteressen ausreichend zu berücksichtigen. Genau dies aber ist nicht der Fall und lässt sich auf nahezu alle Bereiche der Politik beziehen. Die in eine solche Lage geratende Minderheit (Einzelne oder eine Minderheiten-Masse) steht vor zwei besonders großen Herausforderungen: Zum Einen muss sie ihre Selbstgewalt unter widrigsten Bedingungen zu erhalten versuchen, zum Anderen muss sie nun einen anderen Weg finden – wiederum unter widrigsten Bedingungen – ihre Interessen zu artikulieren und zudem die verwehrte Einbeziehung ihrer Interessen zu kompensieren versuchen.

Welche Möglichkeiten bestehen? Die – systemisch gewollte, (a) über zuckrigen Kapitalismus und (b) über „soziale Zuckerli“ geförderte oder geschaffene – weitverbreitete Lethargie einmal außen vorgelassen, besteht zum Einen die Möglichkeit des sog. Rückzugs ins Private und zum Anderen ein offensiver, öffentlich wahrnehmbarer Kampf. Dieser Kampf wiederum hat viele Facetten. Während Kusine Kampf Gewaltaktionen gegen (das System repräsentierende) Sachen und Neffe Gewalt Gewaltaktionen bevorzugt, die dem Zivilen Ungehorsam zugerechnet werden können, wählen – parallel oder stattdessen – Tante Gewalt die wort- und rechtspolitische Aktion (Journalismus, Volksbegehren, Bürgerbegehren, juristische Auseinandersetzungen) und Vetter Gewalt den sog. Marsch durch die Institutionen (diverse Beispiele…), der sich zum Teil als erfolgreich (gesellschaftsrechtliche Liberalisierungstendenzen) zeigt, zum Teil als zähes, aber erfolgloses Streiten (diverse frustrierte Funktionsträger in den diversen staatlichen und außerstaatlichen Institutionen) erweist und sich zum Teil als Verrat und Wendehalspolitik entpuppt (unzählige Beispiele à la Joschka Fischer). Auch die mehr oder minder verstoßene Tochter Gewalt soll nicht verschwiegen werden: Ihr Handeln sieht auch Gewalt gegen Menschen (das System repräsentierende und/oder Kollateralschäden, also unschuldige Opfer, die in Kauf genommen werden) vor (siehe z. B. Teile der RAF).

Gewalt bietet also ein vielschichtiges Panorama. Gewalt erzeugt Gegengewalt, heißt es. Das ist zweifelsohne wahr und funktioniert in beiderlei Richtung. Im Sinne eines Widerstandes gegen die Fremdbestimmung meines eigenen Willens (z. B. über kapitalistische Konsummechanismen) und die „Auch-in-deinem-Namen-Politik“ des Zwangskollektivs soll und muss diese Aussage wahr sein und Gegengewalt wahr werden!

Gewalt bedeutet nicht Militanz. Militanz selbst kennt – wie beschrieben – ebenso Unterscheidungen in Gewalt gegen Sachen und Gewalt gegen Menschen. Für Einige ist bereits die erstgenannte Form der Militanz untragbar, für Andere eine notwendige Konsequenz. Wer aber Militanz verabscheuen will, sollte zumindest eine Vorstellung davon haben, wie die Alternativen dazu aussehen. Einige habe ich bereits genannt. Mir selbst fielen zunächst ein: Im Bildungswesen aktiv werden, direktdemokratische Mittel anwenden (Volksbegehren, Bürgerbegehren), alternative Netzwerke und Ökonomien aufbauen, Proteste und Zivilen Ungehorsam ausweiten. In diesen Bereichen ist unendlich viel zu tun.

Manchen erscheint diese Unendlichkeit als so erschreckend unendlich, dass sie ein Ende mit Schrecken bevorzugen. Ob das dazugehörige Sprichwort auch dann wahr – wenn überhaupt passend – ist, wenn es um die Frage der einen oder anderen Militanz (-Aktion) geht, wird wohl ehrlicherweise niemals jemand zweifelsfrei mit Ja oder Nein beantworten können. Daher: Vielleicht.

Im Bezug auf die zuvor beschriebenen Alternativen steht für mich aber zweifelsfrei fest: Gewalt ja!

Fern sehen

PalastKurier, 11. September 2007

+++ Nach kurzem Aufenthalt in Alexandrowska hat die Ostprinzessin ihre offizielle Reise an die Baltische See angetreten. Auf dem Programm stehen umfassende konspirative Gespräche zur aktuellen Lage von Kunst und Politik, über den Widerstand – im Allgemeinen wie im Speziellen – und zur Zukunft der Stadt Berlin wie des ganzen Ostens: von Alaska über Neufundland, Öland, Mesopotamien und die Wüste Gobi, bis Kamtschatka, und von Feuerland über das Kap der Guten Hoffnung, Äthiopien und Java, bis Tasmanien. Die Ergebnisse werden ostweltweit mit Spannung erwartet. Das Besuchsprogramm sieht einen mehrtägigen Aufenthalt an der Baltischen See vor, auf einer Insel, die – geteilt von einer sog. Staatsgrenze – , Deutschland und Polen voneinander trennt. +++

Alexandrowska

Russisch-Orthodoxe Kirche, Potsdam Alexandrowska