Princess meets Popjesus

David Hasselhoff gegen Goliath

Bremen, 1991 – Ankunft des zukünftig ewigen Bademeisterdarstellers, späteren Akoholkranken sowie früheren Freunds und Fahrers des sexiesten Automobils der 80er, der 1989 als modisch funkelnder Popjesus mit dem Hit Looking for Freedom über der Berliner Mauer schwebte. Am Sonntag gibt David Hasselhoff eine Pressekonferenz für das Bündnis „East Side Gallery retten!“.

„How can you tear down the wall that signifies freedom, perseverance and the sacrifice of human life?“, twitterte Ex-Sexiest Man Alive David Hasselhoff zu Beginn des Monats. Am kommenden Sonntag nun wird David in einem orangeroten Heiligenkostüm über den Großen Teich schreiten, um in Berlin spazieren zu gehen und dabei nach der schwindsüchtigen Freedom zu sehen, um die er und Millionen andere so lang ersuchten – eine Freiheit ohne „new dimension of living without compromise“, eine Suche nach würdiger Authentizität im Todesstreifen, eine Mahnung, die letzten Reste der Berliner Mauer nicht für immer aus dem von wechselhafter Geschichte gemalten Stadtbild zu radieren. Shame on you, Berliner Senat, again, again and again.

Am Sonntag rettet David Hasselhoff die East Side Gallery.

14 Uhr am Kulturklub Yaam, East Side Gallery, Berlin

Es wechseln die Zeiten

Am Freitagabend hatte ich die Ehre, in der Orangerie Oranienburg eine Strophe aus Brechts Moritat von Mackie Messer singen zu dürfen, a capella mit Gisela May … thank YOU! Ein wahrhaftiger Moment voll Zärtlichkeit.

Denn die einen sind im Dunkeln
Und die andern sind im Licht.
Und man siehet die im Lichte
Die im Dunkeln sieht man nicht.

Paul Werner Wagner im Gespräch mit Gisela May.

Eine Veranstaltung der Friedrich-Wolf-Gesellschaft.
„Kunst ist Waffe!“ F. Wolf

Sie gehört zu den wenigen Frauen, deren Namen man mit der sparsamen Beifügung „die“ verbindet. Frauen, deren Persönlichkeit Geschichte und Kunst gleichermaßen beschreibt: Die Dietrich, Die Weigel, Die Greco und eben Die May. Ihre Interpretation der Brechtsongs setzte Maßstäbe, auf der ganzen Welt sind ihre Schüler anzutreffen. Und im Osten überkommt einen ein Hauch von Überlegenheit, wenn man Gisela May auf der Bühne des Brecht-Theaters in den großen Rollen sah und nicht nur die „Muddi“ der beliebten Fernsehserie „Adelheid und ihre Mörder“.

Am Grunde der Moldau wandern die Steine
Es liegen drei Kaiser begraben in Prag.
Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine.
Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag.

Es wechseln die Zeiten. Die riesigen Pläne
Der Mächtigen kommen am Ende zum Halt.
Und gehn sie einher auch wie blutige Hähne
Es wechseln die Zeiten, da hilft kein Gewalt.

Bertolt Brecht

Liebs Giselschen, flieg mer net zum Himmel nauf, isch weiß ja net, ob Du wieder nunnerkommscht! Ferdinand May

Monoman spontan: Vernunft sich ersann

Besuch bei Theo und Emilie

Lieber Theodor,

in der Unruh Deiner Ruhestatt,
heut, an Deines Grabes Rand,
da stand und schwankt ich,
dacht hin, dann wieder her –
mit jedem Schwenk trug Es
sich höher, grub sich tiefer,
wog sich schwer – stiller
Verzweiflung heisre Schrei’
sich schrien, bis Vernunft
meiner sich ersann, Deiner
Worte Trost entliehn.

Ostprinzessin, 2011

Die Frage bleibt

Halte dich still, halte dich stumm,
Nur nicht forschen, warum? warum?
Nur nicht bittre Fragen tauschen,
Antwort ist doch nur wie Meeresrauschen.
Wie es dich auch aufhorchen treibt,
Das Dunkel, das Rätsel, die Frage bleibt.

Theodor Fontane, 1888

Erhabe dich seiner…

Man beachte auch die Analogie bzgl. sich gegenübersitzender Dichter/Engelswesen.

Fort…

Mystisch: Raum-Zeit-Kontinuum-Spalte, vormals „Himmlischer Pfad“.

Ostprinzessin meets B-Meister Hanke

Im Rahmen einer Diskussion über die Rolle von Kunstarbeit bei der Aufwertung von Wohngebieten mit günstigem Wohnraum traf die Ostprinzessin auf Berlin-Mittes Bürgermeister Christian Hanke, Sozialwissenschaftler Andrej Holm, Regine Rapp und Chris de Lutz vom Art Laboratory Berlin, sowie auf ein zahlreich erschienenes, interessiertes Publikum. Als Ort der Diskussion war ganz bewusst eine Galerie der Kolonie Wedding gewählt worden. Der Galerienverbund gilt im Wedding als einer der Hauptakteure bei der Veränderung von Kultur und Image des Soldiner Kiezes.

Berlin-Mittes Bürgermeister Christian Hanke und Ostprinzessin

B-Meister Dr. Christian Hanke (SPD) und Ostprinzessin

Zur Einstimmung auf die Diskussion präsentierte die Ostprinzessin die Gentrification-Satire „Ich bin’s nicht gewesen“. Das Publikum verfolgte den Beitrag aufmerksam und nahm ihn mit einigem Wohlwollen zur Kenntnis.

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Und auch der Bürgermeister, dem während des Vortrags einige Lacher entfuhren, klatschte am Ende Beifall. Die Ostprinzessin äußerte sich dazu in gebührender Weise: „Über den Herrn Doktor Bürgermeister lache ich auch immer gern.“

Chris de Lutz, Karin Baumert, Andrej Holm, Christian Hanke, Ostprinzessin

Chris de Lutz, Karin Baumert, Andrej Holm, Christian Hanke, Ostprinzessin

Christian Hanke sorgte mit seiner Äußerung, dass er die Aufwertung begrüße und unbedingt den Mittelstand in den Wedding locken wolle, für einigen Gesprächsstoff. Er wolle sich aber auch für die Idee einsetzen, dass die stadteigenen Wohnungsbaugesellschaften in den betroffenen Gebieten günstigen Wohnraum schaffen und anbieten. Zuvor hatte Gentrification-Kritiker Andrej Holm in einem ausführlichen Beitrag die Mechanismen erklärt, die zunächst zur Aufwertung eines Stadtteils und dann zur Verdrängung großer Teile der Bevölkerung durch Mietsteigerungen führen. In seinem Beitrag beschrieb der Sozialforscher die Schnittstellen von immobilienwirtschaftlicher Aufwertung und Kultur, lenkte den Blick dabei auf die Künstler, stellte Überlegungen für eine aufwertungsneutrale Kunstpraxis an und veranschaulichte einige künstlerische Interventionen in Aufwertungskonflikten.

Regine Rapp und Chris de Lutz, Kreuzberger Galeristen im Weddinger Kiez, kritisierten zwar die kapitalistische Struktur im Allgemeinen und schossen sich auf den Schwur ein, ihre Galerie nichtkommerziell betreiben zu wollen, landeten jedoch mit ihren Gedanken und Antworten regelmäßig neben den Fragestellungen der Diskussion. Auch die Fragen der Subventionierung und der Fördergelder blieben offen. Lieber stellten sie in aller Opulenz ihre derzeitigen und bereits abgeschlossenen Projekte vor. Glücklicherweise zog die Moderatorin und Stadtsoziologin Karin Baumert zwei Repräsentanten von ExRotaprint in die Diskussion, die eloquent auf die sozialen Fragen des Themas einzugehen wussten. Sie stellten ihren Ansatz einer gezügelten Vermarktung des Kunst-Images anhand von Beispielen aus der Praxis dar und beschrieben ihre vielseitigen Erfahrungen in der Begegnung mit Gewerbetreibenden sowie mit der von Armut betroffenen Bevölkerung vor Ort. Mahnend wandten sie sich an ihre Künstlerkollegen, rangen sich aber nicht durch zu einem kritischen Wort gegenüber ihrem politischen Partner aus dem Rathaus.

So blieb die Ostprinzessin, zwischen allen Stühlen sitzend, am Ende ihren nachdenklichen Worten vom Beginn der Veranstaltung treu:

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„Ich (…) blicke der Kunst tief hinein in ihre schönen Augen. Ich schaue der Kultur auf ihre Mäuler und lausche jedes wahren Wortes Klang, möge er auch noch so verstimmt sein. Es begeistert mich immer wieder aufs Neue, an der Instrumentalisierung der Kultur, ihrer Macht, ihrem Missbrauch und ihrer Manipulation teilzuhaben.“ Die ganze Satire hier.

Comtess flieht die Spree hinunter

Was im Kinospot zur Kampagne Mediaspree Versenken bereits niedlich, süß und kulturell bewegend auf die Leinwand gezaubert wurde, fand gestern seine reale Entsprechung an den Spreeufern von Friedrichshain, Mitte und Kreuzberg: Mehrere hundert Menschen tanzten den auf Kreuzfahrt befindlichen Investoren-Vernetzerinnen auf der Nase herum und versperrten die Spree mit Klein- und Kleinstbooten, auf Luftmatratzen und aufblasbaren Krokodilen.

Die Entschlossenheit zu Wasser und zu Lande kannte kaum Grenzen, obgleich den auf den Spreebrücken Protestierenden die Polizei-Eingreiftruppen direkt im Nacken saßen. Von den Ufern wurden vereinzelt Wasserbomben auf die Spree-Comtess geworfen, obwohl auch dort Polizei patroullierte. Die Passagiere hatten sich ohnehin größtenteils unter Deck geflüchtet. Dort wurden sie von Christian Meyer, dilettantischer aber zäher Manager des Mediaspree e. V., in gewohnt vernebelnder Art und Weise (teil-) aufgeklärt. Der enorme Unmut, der den Vereinen und ihren Gästen hier bei ihrer herrschaftlichen Lügen-Butterfahrt entgegenschlug, erforderte sicherlich wieder eine neue Höchstleistung in puncto Erklärungsakrobatik.

Die Stimmung an Land war aggressiv, denn im vorliegenden Fall geht es um nicht weniger als die letzten innerstädtischen Bereiche, die von alternativer Kultur und kritisch denkender Bevölkerung gesäubert werden sollen, oder – nach dem Willen des Mediaspree e. V. – gerade noch als Staffage für den beliebten Eindruck des Szenigen herhalten sollen, als weicher Wirtschaftsstandortfaktor sozusagen. Ein am Osthafen neu entstehendes Großhotel z. B. wirbt mit eben diesem spannenden Umfeld, wie Peter Sauter, NDC-Projektentwickler, der Abendschau gegenüber äußerte. Die Schiffstour, die vom Berliner Wirtschaftsgespräche e. V. organisiert wurde, in dessen Gremien sich erschreckend viele Personen befinden, die dem Berliner Filz zugeordnet werden müssen und die zum Teil Mitverantwortung im Berliner Bankenskandal tragen, hatte in Charlottenburg gewohnt mondän und unauffällig begonnen. Die Abfahrtszeit hatte man nach eigenen Angaben geheim gehalten. Offenbar hatte man gehofft, dass die Demonstrierenden, so überhaupt noch welche am Zielort in Friedrichshain und Kreuzberg sein würden, den Weg freigeben bzw. die Polizei eine Schneise schlagen würde. Zwar trat die Polizei nebst ihrer Zivilbullen denn auch tatsächlich gewohnt gewalttätig auf und hatte auch allerlei persönliche Drohungen parat, aber letztlich entschied man sich aufgrund des massiven Widerstandes dann doch dafür, der Comtess eine Umkehr zu empfehlen. Dem Regional-TV-Sender 7live gegenüber äußerte die Ostprinzessin:

„Auch mir wurde von einem Polizisten Gewalt angedroht, weil ich auf fünf Meter Entfernung angeblich das Abfilmen der Demonstrierenden durch das Schwenken eines Stückes Seidenstoff behindert habe. Ich akzeptiere solche Paparazzi-Aufnahmen nicht. (…) Was die Comtess angeht, so kam ihre Umkehr einer Flucht gleich. Das hat mich besonders gefreut, denn ich konnte die Comtess noch nie leiden.“

Am Schwarzen Kanal wurde zur Jubelbegrüßung der Möchtegern-Investoren ein Feuerwerk gezündet, in den Strandbars links und rechts der Spree ging es heiter und kraftvoll zu. Die Polizei, die immer wieder bemüht war, eine Absperrleine der im Wasser Protestierenden zu kappen, wurde von dort regelmäßig mit Pfeifkonzerten belohnt. Viele waren gekommen, mit Kind und Kegel. Während die Stimmung im unkommerziellen Projekt Yaam hervorragend war und blieb, kam es beim gegenüberligegenden Kiki Blofeld zu Verwerfungen: Zunächst verlangte man von allen Leuten Eintritt, dann wollte man ihnen die Getränke abnehmen. Letztlich erhielten Mitglieder und Sympathisanten der Initiative Mediaspree Versenken sogar „Hausverbot“. Der Geschäftsführer stellte sich als ein herbe Drohungen produzierender Zeitgenosse heraus – von Solidarität keine Spur: „Scheißegal“ sei ihm die Initiative.

Nun denn, dies brachte der heiteren Dynamik keinen Abbruch, zumal derzeit noch die benachbarten Grundstücke brach liegen und keiner kommerziellen Nutzung zugeführt sind. Dies aber wird sich nach dem Willen der Politik ändern und die Menschen werden auf einem bewachten und absperrbaren Uferweg prominieren dürfen, aber ansonsten aller Räume und Optionen auf Jahrzehnte hin beraubt sein. Allen vernünftigen Argumenten gegenüber scheint der Bezirk sich zu verschließen, wobei man gerade von GRÜNEN und LINKEN mehr Vernunft und Weitsicht erwartet hätte. Doch offenbar weiß man gar nicht oder will gar nicht wahrhaben, in welchem Bezirk man da so herrlich von oben herab regiert: Kreuzberg und Friedrichshain sind nicht Reinickendorf und Lichtenrade, hier hat sich eine Vielfalt alternativer Menschen, Strömungen und Projekte einen Platz gesucht, der in Europa nur wenige Vergleiche kennt. Mit ebendiesen Kräften und den weiteren Anwohnern zusammen sollte man in Kooperation gehen, die Entwicklung organisieren – im Grunde können und wollen sie die Entwicklung selbst organisieren. So viel Autonomie sollte man Menschen in einer vielfältigen Gesellschaft mindestens einräumen, zumal dann, wenn sie eine breite Unterstützung (über 16.000 Menschen) erfährt. Aber alternative Vorstellungen werden schlichtweg absorbiert, wo Profitinteressen der Immobilienwirtschaft ins Spiel kommen und sich die sinnleere Kommerzkultur (Beispiel O2 World) weiter ausbreitet.

„Wir verfolgen sie bis nach Hause!“

Zwei Abriss Activists nahmen dann noch die Verfolgung der Spree-Comtess auf – mit dem Fahrrad und einer deutlich sichtbaren Message in Form einer Fahne mit der Aufschrift „Mediaspree versenken“. Von vielen Brücken zwischen Friedrichshain und Charlottenburg grüßten sie die zum Teil freudig winkenden, zum Teil sichtlich verstörten, in jedem Fall aber aufgrund der permanenten Begleitung (an-) gespannten Passagiere. An den Zwischenstationen stiegen Journalistinnen und andere Passagiere aus. Es wurde erzählt, dass die Leute auf dem Schiff erschreckend uninformiert waren – und wohl auch blieben, denn was während der Begleitung vom Schiff her über die Lautsprechanlage zu hören war, klang sehr nach Desinformation. Auf Höhe von Mitte und Moabit wurde immer wieder mit Abneigung über moderne Architektur der 70er Jahre gesprochen. Man wünscht sich offenbar ausschließlich postmoderne Investorenarchitektur, gepaart mit Historismus à la Stadtschloss. Auch zu diesem Thema weht dem Senat durchaus ein kalter Mehrheitswind ins Gesicht, der aber ebenso professionell ignoriert wird wie der breite Widerstand in Kreuzberg und Friedrichshain.

Zum Ende hin begrüßten die Activists die Passagiere noch persönlich zurück an Land. Viele meinten, mit Floskeln wie „Sportliche Leistung“ Anerkennung zollen zu müssen. Nicht wenige hatten abstruse Vorstellungen davon, wer sie da verfolgt hatte. Auch die dumpfe Propaganda von Mediaspree e. V. und Berliner Wirtschaftsgespräche e. V. hatte bereits Wirkung gezeigt: „Wissen Sie, das ist übrigens gar nicht so, wie Sie behaupten“, traute sich eine wohl situierte Dame den Activists entgegenzuhalten. All den Nonsens geradezubiegen, der ihnen seitens der Passagiere entgegenschlug, überforderte letztlich auch ihre Fähigkeiten. Die Dame übrigens lief dann 10 Sekunden nach ihrer kleinen Attacke beinahe vor ein Auto, weil sie unbedingt bei Rot flüchten gehen wollte.

„Hopfen und Malz verloren!?“

Eine Veranstalterin der Berliner Wirtschaftsgespräche e. V. sprach die Activists sichtlich getroffen und beleidigt mit den Worten an: „Sind Sie etwa auch der Zeitungsente aufgesessen, dass auf dem Schiff Investoren sein sollen?“ Was zunächst nach einer humorigen Einlage klang, entpuppte sich als purer Ernst, mit dem sie dafür sorgen wollte, dass ihre Kontrahenten mit dem unglücklichen Gefühl nach Hause gehen, die völlig Falschen begleitet zu haben. Jedoch bestätigten kurz darauf andere Passagiere, dass tatsächlich das vermutete Konglomerat an Investoren, Vernetzerinnen und deren Gästen an Bord gewesen war. Aber einige Passagiere wollten plötzlich alles sein, nur keine Investoren mehr. Offenbar wurde noch während der Fahrt eine interessante, mehrdimensionale Gehirnwäsche betrieben. Aber irgendwie muss man sein Schäfchen ja ins Trockene bringen, wenn der Widerstand sich formiert, die Leute, die „Hedonisten“ und die angeblichen, die vorgeblichen und die tatsächlichen „Autonomen“ einem derart entschlossen entgegentreten.

Wieder einmal wurde deutlich sicht- und hörbar, dass die in der Mehrheits- und Einheitskultur Erstickenden unterschiedlichen, mal mehr, mal weniger systematischen Desinformationsstrategien ausgeliefert sind und wenig bis gar nichts über die Gründe für steigende Mieten, soziale und ökologische Probleme, Vertreibung und Überwachung wissen (dürfen). Hierzu passend fragte dann zum Schluss eine Passagierin nach alternativem Informationsmaterial. Das erhielt sie sofort. Zuvor hatte sie erzählt, dass sie früher auch mal auf der anderen Seite gestanden habe. Zunächst blieb unklar, ob sie sich noch an die guten Gründe dafür erinnern konnte. „Es muss ja gebaut werden. Die Stadt muss ja wachsen.“ Diesem Wachstumsparadigma konnten jene Millionen von Quadratmetern leerstehender Büroflächen entgegengehalten werden, die sich schon heute links und rechts der Spree anhäufen. Allmählich bröckelte ihre Gewissheit. Der finale Dialog dann brachte es auf den Punkt, worum es beim Widerstand gegen Projektentwicklungen wie Mediaspree eigentlich geht:

Passagierin: „Aber da sollen doch auch Wohnungen gebaut werden!“
Ostprinzessin: „Für wen? Für mich nicht. Für Sie?“
Passagierin: „Nein, ich kann mir das bestimmt nicht leisten. Ich suche grad eine neue Wohnung, weil die alte zu teuer geworden ist.“

Genau das ist es. Und es ist an der Zeit, sich Gehör und Raum zu verschaffen.

Die Comtess wird blockiert...Die Comtess fleiht, die Ostprinzessin triumphiert...Die Ostprinzessin treibt die Comtess gen Westen...

Wer mögen wohl die Passagiere gewesen sein? Die.

Senatorin meets Prinzessin

In zufälligem Rahmen traf mit mir in Berlins touristischer Mitte vor einigen Tagen eine Senatorin des Berliner Senats zu zwanglosen Gesprächen zusammen, während derer die Frau Senatorin so ausgiebig wie hemmungs- und bedenkenlos berlinerte.

Nachdem sie vor zwei Jahren zur Senatorin gekürt worden war, war sie das einzige Mitglied der Berliner Regierungsriege, welches berlinerte. Dies galt als Erkennungs- und Markenzeichen, das der ihrerseits gewählten Proklamation, den Boden unter den Füßen nicht verlieren zu wollen, vortrefflichen Ausdruck verlieh.

Öffentlich berlinert Frau Senatorin mittlerweile nicht mehr.

Unsere Unterhaltung nahm ihren Lauf. Nach einigen Erörterungen der politischen Lage in Berlin, deren Schwerpunkt sich im Thema „Macht und Manipulation“ bildete und dabei die Themen „Privatisierung“, „Kalkulatorische Kosten“ und „Volksbegehren“ sowie verschiedene weitere Bereiche der Stadtentwicklungspolitik umfasste, zeigte sich die Senatorin überaus angetan: „Ick merke schon: wir mögen uns besonders.“

Ihre Worte entbehrten einer gewissen Ironie nicht. Hinsichtlich dieser Äußerung der geehrten Frau Senatorin schätze ich mich daher in außerordentlichem Maße froh, mitunter sogar glücklich, etwaige Missverständnisse oder Ungenauigkeiten, die im Zuge unserer Gespräche eventuell hätten auftreten mögen, bereits nach kürzester Zeit ausgeschlossen und der Frau Senatsmitglied deutlich und wiederholend für ihre bemerkenswert entschlossene Mitwirkung an der unheilvollen Politik des Senats die ihr gebührende Anerkennung entgegengebracht zu haben.

Frau Senatorin Lompscher wollte oder konnte sich zu den inhaltlichen Ergebnissen der Unterredung bislang nicht äußern.