Die Queen ist tot, es lebe das Blabla

Am Ende ging es schnell. Push, da war sie, die Nachricht, und alle redeten darüber, natürlich auch die, die nichts zu sagen haben – was, keine Frage, eine weitgehende Gemeinsamkeit herstellt zu der Person, die sie zu kommentieren wagen. Ich sage: Hört auf damit! Mit euren pseudo-kritischen und schmachtenden Worten. Ich kann das besser. Oder auch nicht.

Mögen die Engel dich in Ruhe lassen / „May flights of angels sing thee to thy rest“

Ja, so ähnlich war sie euch, war sie uns. Tragisch ist vor allem, dass die Queen in siebzig Jahren eigenständig wenig Wichtiges, Gutes, Spannendes geschaffen oder veranlasst hat. Es lag ihr einfach nicht, ihre Herzensinteressen waren profan: Hunde, Pferde, Disziplin. Wobei letzteres bereits ein komplexeres Unterfangen darstellte, auf das wir mit Bewunderung oder Abscheu schauten.

Wirkliches Interesse zeigte sie beim Thema Commonwealth: ein kolonial bedingter Bund souveräner Staaten, in dessen Repräsentation sie ihren persönlich empfundenen Antirassismus zeigte und auslebte – nicht ohne Widersprüche, versteht sich, aber die gehören seit jeher zur DNA eines monarchischen Daseins.

Nicht sie, sondern Margaret, ihre Schwester, hätte den Job machen wollen. Königin. Aber gefragt wurde ja nicht. Auch die Mitglieder ihrer schrecklich netten Familie haben nicht gefragt, bevor sie irgendetwas angestellt haben, das alle in Verruf brachte, oder irgendeine Art von Größe und Respekt gezeigt gegenüber der wuchtigen Bedeutung der royalen Repräsentanz. Das allein schon beweist, dass ein adliges Leben mehr Bürde ist als Privileg. Dass die Queen da noch die meiste Würde zeigte, verweist auf das Format ihrer Person: innere Kraft – nicht Herzlichkeit, denn die war mühsam angelernt.

Dass sie nicht die Klügste war – was ihr leidlich bewusst war –, nicht die Liebste und auch die Schönste nie, hat ihr im hohen Alter in die Karten gespielt, da wirkte sie unverbohrter, zugänglicher und ja, man muss es so sagen, süß und niedlich, wie schon ihre Mutter, Queen Mum, die dank konservierenden Gin-Konsums ihren corpus majestatis noch bis 101 irgendwie in Gang hielt und uns keck von royalen Kutschen zuwinkte. Ihre Tochter starb nun lieber rasch nach dem Verlust ihrer außerordentlichen Belastbarkeit, ohne langen Abschied, und auch das passt zu ihr.

Ich habe mal Abscheu, mal Zuneigung empfunden für ihre Person, ihre Funktion. Abscheu vor allem wegen ihrer zementierenden Rolle im Gefüge der politischen, der gesellschaftlichen Entwicklungen, für das Staatenoberhaupt als Teil des Establishments, Abscheu, wenn ich sie hellauf begeistert beim Pferderennen sah. Als Kind erreichten mich mit Tinte geschriebene Briefe, die aktuelle Fotos der Queen enthielten, meist aus der Karibik, zugesandt vom Sohn des Chefs meines Vaters. Erst letzte Woche schrieb er wieder einen. Kontinuität. Das hätte ihr gefallen. Gesehen habe ich sie nur einmal und das sehr zufällig, vorm TU-Gebäude. Meine gestrenge Lieblingsprofessorin und ich kehrten gerade zurück von einem wissenschaftlichen Ausflug zur Siegessäule, als die Queen im groß befensterten Rolls vorbeirollte. Wir waren schlichtweg gerührt. Als führe Jesus vorbei oder Michael Jackson.

Vor zwei Jahren tat sie dann etwas, das auf den ersten Blick unspektakulär, erwartungsgemäß, allzu christlich und manifestierend erscheint, tatsächlich aber Millionen Menschen Kraft und Zuversicht gab in einer schlimmen Lage, auch mir ganz persönlich; sie hielt eine Rede, deren Manifestationen deshalb glaubwürdig und tröstend wirkten, weil das ganze Gewicht einer Dekaden andauernden Beharrlichkeit aus ihr sprach. Nie vergesse ich, wie ich ihre Worte in der Stille des Grunewaldes – auf meiner Flucht vor der Plage – abspielte und dabei ihren plattdeutschen Akzent vernahm. Als spräche meine geliebte Großmutter zu mir: „We know that Coronavirus will not overcome us. As dark as death can be – particularly for those suffering with grief – light and life are greater.“

Und ebendieser Größe schließe ich mich an, wenn ich sage: Ich kenne deine Rolle, dein Diktat, die Konformität und die Rassismen, die auch du darin vertratst, aber: Im Abschied trage ich nur Menschlichkeit. Lebe wohl und ruhe in Frieden! Der ein Unfrieden sein muss. Nicht nur wegen Truss.

Ist so

Ja, schrecklich unangenehm, sich mit heiklen Themen wie (Gender-) Diskriminierung, Rassismus, Krieg oder Freiheit (und Freiheitseinschränkungen in gesundheitlichen Notlagen) zu befassen, aber es ist auch super spannend. Wer hier tiefer taucht, entdeckt schnell vielerlei Unglaubwürdigkeiten, falsche Solidarität, falsche Alliierte. Und man kann sie enttarnen. Wie im Krimi. Oft tun sie das auch selbst und merken es nicht einmal.

Ich sammle Screenshots von diesen Debakeln, als wäre ich eine Investigativjournalistin. Solche werden ja gelegentlich sogar getötet. Weil die Offenlegung von Wahr- und Unwahrheiten so wunderbar demontierend wirkt. Die Mächtigen und die Verlogenen bekommen schlichtweg Angst um ihre Trugbilder, Lebenslügen oder Privilegien. Einige von denen lesen hier gerade mit. Hello! Huhu! Kuckuck! Dolle Sache. Faszinierend. Womöglich liken sie das am Ende sogar, meinen sich nicht gemeint, entlasten ihr Gewissen.

Investigation ist unendlich wertvoll, ich war schon als schüchternes, schweigsames Kind davon fasziniert, vielleicht gerade deshalb, und ich ziehe mein Krönchen vor allen Mutigen, die das tun, also auch vor mir selbst. Ich bin mit diesem Mut nicht auf die Welt gekommen, er ist und bleibt Arbeit, und manchmal versage ich auch. Manchmal antworte ich auf gewaltvolle, meist männliche Sprache mit gewaltvoller oder noch gewaltvollerer Sprachkunst. Weil ich’s kann. Bin nicht stolz drauf. Zeigt aber, die Prinzessin hat street credibility. Hi hi.

Die Zahl der Verabschiedeten in Richtung Schwurbelei und Verschwörungswahn hat in den letzten Jahren drastisch zugenommen, das sagen viele, und die Einschläge kommen näher. Man kennt nicht bloß irgendjemanden, nein, es betrifft Freundinnen und liebgewonnene Bekannte, Familie, Kolleginnen. Was sie sagen, schmerzt und verwirrt. Anfangs ganz einleuchtend, oft beherzt, dann irgendwo falsch abgebogen, den Kompass verloren, in Wahnsinnstan verirrt. Was macht man dann? Das Herz kann sie nicht wegwerfen, der Verstand schon. Und auch dafür braucht es Mut. Manchmal ist es auch Ohnmacht. Ratlosigkeit. Selbstschutz.

Manchmal ertappt man sich auch selbst bei einer Polemik, einem Spiel mit der Unkorrektheit, mit Halbwahrheiten und Unausgegorenem. Und das ist auch gut so, denn dann weißt du, das noch Luft rankommt an dich und deine Wunden. So, das wollte ich euch nur mal erzählen. Hab euch lieb. Nicht alle, aber viele. Bleibt stark! Die unheilvollen Wellen rollen. Aber wir schaffen das. Müssen uns auch nicht immer vollends einig sein. Wär ja zum Fürchten. In diesem Sinne. Love & peace

Pronomen est omen

Viele von euch Älteren werden das nur schwer auf die Kette kriegen, aber es gibt ja immer mehr Jüngere, für die es normal ist, die Identität ihrer Mitmenschen nicht vollends zu ignorieren.

In Schweden jibbet drei Pronomen, hen/hon/han, was super praktisch ist. DEUTSCH is schönes Sprach, aba bissl unpraktüsch. Deshalb reicht „Prinzessin, du“. Merci. I love u

B.

Ich stehe in der Welt, verwirrt von ihr
Viel hat mit dem Krieg zu tun
Dem, was er aus ihr machte

Die Nacht trägt das Licht
Und das Licht die Namen durch die Nacht
Friesische Küche? Persische

Ich treff Prinz Istro, wir werden ein Paar
Verrückte Vögel in einer verrückten …
Was? Ein Ungeheuer, ungeheures Glück

Heute wird sie zwanzig, wieder mal
Älter nie, jedenfalls nicht am Stück
Wem sie gehört, ist ihr egal

Was hast du nur gemacht mit mich
Sobald ich atme, dichte ich

K.

Sirenen heulen
wie ein Rudel Wölfe

Mörser und Raketen
streifen das Firmament

Flakgewitter zerteilen
den geeinten Himmel

Tantchen im Nachthemd
wankt durchs Treppenhaus

Zwölf Geschosse
über Scheibensplitter

Rauch steigt aus den Giebeln
unter den Zwiebelhauben

Schreie schneiden die Luft
wie Tantchen den Lauch

Panik atomisiert den Äther
zu tausenden Qualen

Schockwellen fegen
über den Kinderspielplatz

Tauben landen im Sand
mit brennendem Gefieder

Nachbarn liegen frierend
in Bombenschneisen

Unser Schweigen
kreist über den Leichen

KR(I)E(I)(G)(S)E

Wir ziehen Kreise,
wir berühren uns
mit Wein oder Blut,
halten ein, halten aus,
vergiftet, verunheilt,
totgelebt, erfroren,
wir halten einander
oder geben uns auf,
in Kriegen verwundet,
in Siegen verloren

Ey, was geht

Ich steh im Hauptbahnhof, Samstagnacht, mit angehaltenem Atem, im sicheren Hafen, zornig, weinend zieh ich meine Kreise. Frauen, junge, Frauen, alte, Koffer an Koffer, Kinder, Kuscheltiere, an Rucksäcke geschnallte, alle eilen, warten, warten, eilen, Helfende überall, überall Pfeile, Sachen, Unterkunft. Es zerreißt mir das Herz, zornig, beschämt, im Sehen, Kreisen, Weinen, und zwischen meinen Zähnen die immer gleichen Zeilen: Light is my favourite colour, bright is the way I follow. Aus nem deepen, lauten Abend voller Liebe, Lachen. Cora Frost. Bar jeder Vernunft. Die Welt, sie ist noch nicht ganz lost. Und ich will es schreien! Irgendwas muss man doch machen. Ey, was geht? Ich bin die Welt, bin Russland, bin Ukraine, ich tangiere, leide. Ich bin n scheiß Poet

Falsche Friedenstauben

Falsche Friedenstauben

Militanter Friedensglauben

Friedensdrohnen

Spezialoperationen

Besitzbesessene

Selbstvergessene

Friedenstrolle

Selbstgerechte Friedensatolle

Kellernächte

Friedensgeschrei

Friedenseinerlei

Divisionen

Hunderttausend Millionen

Friedensvorwände

Dividende

Ende

Frieden schaffen mit und ohne Waffen

Haben wir also gelernt, sondervermögend zu sein. 100 Milliarden. Geil. No doubt. Das Problem ist bloß, wenn man Waffen in die Welt ruft, werden sie auch eingesetzt früher oder später, und leider kann man nie sicher sein, von wem und in welchem Sinne. Kann auch sein, dass sie ungenutzt verrotten. Kommt öfter mal vor. We know this. Happy about. Camouflage, da freuen sich die Fetisch-Motten. Also los! Kruppstahl. Rheinmetall. Hugo Boss. Es locken höchste Gewinne.

Dass wir Menschen überhaupt zu Waffen greifen, ist unermesslich traurig und tragisch. Wir tun es, weil wir fest davon ausgehen (müssen), dass unsere Waffenlosigkeit ausgenutzt würde. Genaugenommen greifen nicht wir (alle) zu den Waffen, sondern beauftragen andere damit. Wir bezahlen, sie zahlen den Preis. Und insbesondere dieser Arbeitsteilung misstraue ich zutiefst. Wenn du töten musst, töte selbst. Alles andere ist verachtenswert. Doch mit jeder Waffe, egal in welcher Hand, egal in welcher Mission, betreten wir einen Teufelskreis.

Ja, ich identifiziere Sonderfälle. Beispielsweise mag ich mir nicht ausmalen, wie unser Land während der Nazi-Diktatur von ebendieser hätte befreit werden können, wenn denn nicht mit Waffen. Waffen in Händen von Amerikanern, Briten, Russen und Russinnen übrigens. Wir erinnern uns. Oder Heiligendamm 2007. Da wurden (das stellte ein Gericht erst vor Kurzem nun endgültig fest) rechtswidrig Tiefflüge über unseren Zelten angeordnet, über tausenden Zivilist*innen auf einer Sommerwiese, nachts. Ein kleiner militärstaatlicher Terrorakt unserer Regierung. Wow. Ich habe damals viel Vertrauen verloren in unseren Staat und auch in die gesellschaftliche Kontrolle. Zugleich wurde dort eine Bewegung geboren.

Jedenfalls gab es dann auch noch die Bodentruppen, mit der Drohung, das Camp gewaltsam zu räumen. Wir standen in Unterwäsche da, als es so weit wahr. Eilten dann an die Barrikaden, die uns schützend umschlossen. Nicht alle standen so nackt da. Manche hatten Uniformen angelegt – kein Camouflage, no no, etwas mit mehr Style; Steine als Waffen in den Handschuhhänden und die spürbare Bereitschaft, sie einzusetzen zu unserer Verteidigung. Könnten tödlich sein, nicht auszuschließen. Ich war … heilfroh, hatte Angst, nicht um den Polo meiner Mutter oder so, das Fahrrad aus den 30ern vom Uropa, beides stand hier mit auf dem Schlachtfeld, nein, um die körperliche Unversehrtheit. Was aufgewiegelte Cops vermochten, zu Hunderten, zu zehnt, das wusste ich, was Black Block Boys tun, auch. Noch mal klar: Ich lehne rohe Gewalt ab und stehe also da und lehne rohe Gewalt nicht ab. Widerstand. Verteidigung. Legitim! Waffengewalt ist widerwärtig. Schon erwähnt?

Zurück nach Kyjiw. Wo meine Gedanken kreisen. Ich freu mich über jeden russischen Soldaten, der niedergestreckt wird, und sei es mit einem Küchenmesser, mit Cocktails oder besser. Weil ich die Russen untergehen sehen will in diesem Krieg. Angriffskrieg. Invasion. Klar. In Moskau darf man das nicht sagen, das sagt doch schon alles. Die ham echt ne Meise. Meisen. Ich überlege außerdem, meine schärfste Waffe hinzusenden: sie bzw. er mag Russen wirklich gern, phänotypisch, ihre Seelen, ihre Lenden. Das könnte das Blatt wenden.

Trotzdem lehne ich Waffen ab. Und diese schier unvereinbare Ambivalenz, unaushaltbare, ruinöse Widersprüchlichkeit spüre ich seit Tagen, auch körperlich. Letzte Nacht habe ich mich aufgerissen, verwundet, in meiner Nervosität, auf dem Kissen, unterm Auge. Schmerzen. Blut. Wer mich sieht, wird sehen ohne zu wissen. Ich habe meine Haltung, und ich zweifle an meiner Haltung. Wenn ich sie aufgäbe, die Haltung, den Zweifel, ginge es mir dann besser?

Frage für viele