Freiheitsidiotie

Jeden Morgen tausend Tote – banal
Sorgen Sorgen Sorgen – hach, brutal
Bald, bald wird geimpft – verbal
Lockdown light für alle – ein Fanal
Nicht in der Werkhalle – logisch, klar
im Land der Dichter und Denker
Weiter, weiter ohne Plan – normal
Querdenken versus Coronawahn
Strategie: Freiheitsidiotie – ideal
Gesundheitsdiktatur – nee, is wahr
einfach nicht zumutbar, bla bla bla
„Ende der Fahnenstange“ – Müller
Freiheit – ist der Knüller, ha ha ha
Demokratie – auf, auf ins Hospital
Jeden Abend tausend Tote, la la la
gestorben für die Grundrechte – tja
lucky lockdown – phénomène fatale

Ach, Mann (Merzgedicht)

Mein ganzer Körper sträubt sich gegen den,
Synapsen, Rezeptoren, jedes Östrogen,

auch beim Armin ist schnell Schicht,
mit Norbi alles nur noch Pflicht,
für Jens ballt sich die Faust,

aber Brillenträger schlägt man nicht,

gegen Olaf hol ich die Bazooka raus,
beim Robert leide ich tagein, tagaus,
und dem Markus reicht der kleine Finger –

was dann passiert, weiß man ja: er,
also muss die Annalena ran, oder wer?

Endlich finde ich Worte

Neulich in einem Gespräch erklärte und begründete ich die Schweizer Pandemie-Politik und auch die Schwedens. In diesen Gesellschaften, die weitaus gefestigter sind als die anderer Länder, insbesondere der großen, wird weniger als dort nach Schuldigen gesucht. Schuld ist kein Leitmotiv des öffentlichen Diskurses. Das Vertrauen in die Stabilität ist größer als die Angst vor einem ethisch-moralischen Urteil. Und wo kein Schuldbewusstsein ist, werden auch keine Maßnahmen gewollt, die den Menschen viel verbieten und uns in Schuldige und Unschuldige einteilen.

Ich nahm Partei für diese Position, doch bald war mir klar, dass ich nicht daran glauben kann. Denn ich glaube, dass die Politik Schwedens und der Schweiz amoralisch ist, gleichgültig oder menschenverachtend, vielleicht alles drei zusammen und das sogar mehr als die Politik vieler weit weniger privilegierter und in anderen Fragen weitaus zynischerer Gesellschaften. Und ich empfinde seit Beginn der Pandemie großen Unmut über ihre völlig unzureichende Bekämpfung, dort wie auch hier. Infolge der fehlenden Konsequenz erleben wir zu lange schwache Lockdowns und die ungerechte Verteilung der horrenden Lasten.

Ja, auch andere versagen. Belgien zeigt sich als gescheiterter Staat, Tschechien, Ungarn, Russland, USA – die Liste hart getroffener Länder mit auffallend hohen Leidens- und Todesraten ist lang: Frankreich, Spanien, Norditalien und nicht zuletzt das UK. Bei den Großen in Europa vollzieht sich seit langem ein innerer Zerfall, im Falle Großbritanniens und Spaniens auch ein äußerer, wie zunehmend erfolgreiche Abspaltungsbestrebungen belegen. In vielen Gesellschaften ist der rechtspopulistische Druck groß, mehr noch als in der deutschen, die zwar ähnlich stark polarisiert ist, aber de facto weniger Rechtspopulist*innen in der Nähe realpolitischer Macht und bis dato weit weniger Pandemieopfer aufweist. Wobei man sehen muss, dass nicht überall der Druck von rechts prägend ist, sondern vielmehr ein antisoziales Arschlochtum à la Merz, siehe England.

Ja, unsere Lebensrealität ist komplex. Ohne persönliches und gesellschaftliches Risiko geht es nicht. Doch wir Menschen sind nicht gut darin, unser Verhalten selbst zu beurteilen. Wir sind angewiesen auf eine objektive Risikobewertung. Das Prinzip der Eigenverantwortung funktioniert in einer Pandemie nicht. Politik muss die Kraft haben, Freiheit zu beschränken, um Leben zu schützen, gerade die der besonders Gefährdeten. Unsere Freiheit endet da, wo die Freiheit anderer beginnt.

Als im Sommer viele begannen, ihren Urlaub zu posten, begann ich still zu fragen, was ich mir und meinen Friends beweisen wollte, machte ich Urlaub in der Pandemie. Ist das wirklich Freiheit, die gute, ziviler Ungehorsam, ein kleines Aufbegehren, ein Bahnbrechen menschlicher Bedürfnisse, eine notwendige Flucht, oder sogar einfach nur Gelassenheit? Vielleicht. In jedem Fall empfinde ich Antipathie. Weil es mir schwach erscheint und ich so schwach nicht sein möchte, und weil es mir stark erscheint und ich so stark nicht sein möchte.

In meinem literarischen Bewusstsein sehe ich alles als eine Erzählung. Welche Geschichte von mir will ich erzählen während und nach der verherrenden Pandemie? Dass ich im Urlaub war? Dass ich Party gemacht habe? Dass ich andere in verantwortungslosem Verhalten bestärkt habe? Dass ich es besser wusste? Not my story. Aber ich suche noch.

„How r u? All fine?“

I miss people,
I miss work,
I miss music school,
I miss performing,
I miss touches,

I miss flirting and danger,
I miss health awareness,
I miss support for those
who care, nursing staff,
I miss a pandemic strategy,

I miss the perspective
of those who stay ill
or lose and miss someone,
I miss compassion,
help for the poor,

I miss cheap real estates,
I miss a garden, I miss
a lot of lost places,
and I think most of this
will get worse.

So how am I?
I feel sad,
I feel angry,
I feel helpless,
I feel the mission.

Kollektivdunst

Über den Dächern steht der Nebel,
der Himmel ist eins, in Unkenntlichkeit,

unter den Dächern wabern Kreaturen,
Zweifel hängt in den Gardinen,

in den Stuben brennt die Ohnmacht,
der Rauch weht aus dem Gebälk,

Krähen kreisen über den Kränen,
ein einsamer Rabe blickt herab,

der Palast fällt klirrend in den Sand,
die Lügengebäude halten stand,

manche feiern, manche weinen,
eine wäscht die andere Hand,

alles viel zu leise, alles viel zu laut.

Warten

Ich, unterhalb von meinem Turm, an der Narbe der Stadt, die mich teilte wie einen Regenwurm.

Böen einer grausamen Predigt verheerten ihr Hab, das Gute barst, ein Ast fiel, mein Finger brach ab.

Tränen schlossen die Wunde, Flügel wuchsen nach und eine neue Saat keimte in den Kratern der Stadt.

Und jetzt?

Das Theater renoviert und sicher gemacht für den Besuch in pandemischen Zeiten, drei von vier Vorstellungen so gut wie ausverkauft, in den Nachgesprächen wollen alle über Corona reden, egal um was es geht, Ideologien, Lügen, falsche Wahrheiten, manche sind zum ersten Mal wieder da: Theater – Teil der vierten Gewalt, sagt einer, und zum ersten Mal seit März habe ich wieder mein Buch verkauft an einen echten Gast in einem echten Theatersaal.

Jobs weg, Kurzarbeit, tausende fehlende Euros, Angst um Freunde und Familie, am Arbeitsplatz, Schmerzen, Verspannung, eine Welt in nie gekannter Veränderung, Menschen mit Krankengeschichten, Todesnachrichten, Übersterblichkeit ganz real, ich von Anfang an dabei, wegen Liebe in der Lombardei, ausgerechnet.

Zu viel Wutgeschrei, zu viel Gelassenheit, tausend Offerten, in Hass zu zergehen, Verzweiflung, ja, die Regierung hat versagt, sicherlich, die Regierung hat regiert, viel recht gemacht, viel schlecht, wie du und ich; ich hätte gern es besser gemacht, so als Prinzessin gedacht – ich tat, was ich kann, bin gesurft, gesegelt, manchmal abgetrieben, habe gesiegt im Verlust und im Sieg verloren, tausendmal Toleranz geübt, das einzige, was uns hindert, aufeinander loszugehen, bin letztlich zart, empfindsam, den Tränen nah, liebend geblieben. #atmenimgegenwind