Antipasti in Berlin gestorben

Frustella Antipasti ist tot.

Die aus Oranienburg stammende Trümmertunte, welche zunächst im hessischen Marburg zu Weltruhm gelangte, der sie bis in die Epizentren der Hauptstadt trug, ist am dritten Berliner Geburtstag ihrer Frustation erlegen. Oder waren es doch die Antipasti …?!

Mit den legendären Hits „Wechseljahreszeiten“ und „Mager“ hatte sie sich auf verschiedenen Festivals wie dem schwul-lesbischen Straßenfest oder dem Transgender-Festival Wigstöckel und bei einer Reihe von Auftritten in der Kreuzberger Rabenbar, wo sie an der Seite von Coco Lorès und Tima die Göttliche auftrat, ein treues Publikum ersungen.

Ihre sozialkritischen Texte spannten einen Themenbogen von Armut und Frieden, über Lesbenliebe bis hin zu alternden Prostituierten und Lust im Alter. Ihr besonderes Kapital waren immer ihre wie angeboren erscheinende Rampensäuigkeit und die Schwingung, in die sie sich auf der Bühne wie auch ohne Bühne scheinbar mühelos zu versetzen vermochte. Ihre mitunter einer gewissen Genialität nicht entbehrenden Texte legte sie auf allseits bekannte Melodien.

Bei ihrem nunmehr allerletzten Auftritt, im Salon ihrer Residenz am Mehringdamm, verschluckte sie im Eifer des Moments einige ihrer Perückenhaare, was sie dem Erstickungstod nahe brachte, diesem sie jedoch dank des beherzten Einsatzes einer rigorosen Kampf-Punk-Lesben-Ambulanz noch einmal entkam. Allerdings unterschätzte sie die fatale chemische Wirkung der sich mit ihrer degeneriert-entarteten Magensäure verbindenden Perückenfasern und glitt unter entstellenden Höllenqualen aus dem Leben. Wir wünschen ihr einen angenehmen Aufenthalt!

Sie hatte das Herz am rechten Fleck. „Frustella darf nicht sterben!“

Frustella Antipasti
Publikumsliebling
Frustella Antipasti kurz vor ihrem Tod

Showbahnhof

Bevor am späten Abend eine tatsächlich grandiose, pompöse und auch anrührende Show zur Einweihung des Hauptbahnhofs stattfindet, bei der Hunderttausende bereitwillig mitfeiern werden, erleiden einige weniger Überzeugte Schwindelanfälle beim Gedanken an die vielen Millionen Euro, die das Bahnhofs-Projekt verschlungen hat.

Zufällig treffen die Schwindelnden auf einer Brücke vor dem neuen Bahnhof aufeinander und dergleich zusammen. Einige schaffen es dennoch, ein paar treffliche Worte über die Verschwendung öffentlicher Gelder in Zeiten massiven Sozialabbaus zu finden.

AktivistInnen von Attac halten Schilder hoch, auf denen sie den Stopp des Ausverkaufs der Bahn, also des öffentlichen Vermögens, fordern.

Während die Menge der schwindlig Umgefallenen so groß wird, dass auch die Straße nicht länger frei zu halten ist, sichern eilig herbeigerufene paramilitärische Einheiten den Massenschwindel ab. Derweil beginnt die frühere Baustadträtin von Mitte, Karin Baumert, freundliche Gespräche mit den strengen Uniformierten, wobei sie fortwährend von einer Straßenseite zur anderen pendelt und so den Raum für alle Beteiligten zu öffnen versucht.

Bahn für alle attac Öffentliches Gut Bahn von unten Schwindel Staatsmacht Karin Baumert

Nach Sonnenuntergang bohren sich mittels einer aufwendig inszenierten Licht- und Musik-Show, die viele Kilometer weit zu sehen und zu hören ist, Löcher in den Verstand. Die Herzen des Publikums erweichen auch bei der Musikauswahl, die neben altbewährten Schlagern und Rocksongs aus Ost und West auch klassische Klänge bietet und – allen Spießern zum Trotz – auch hämmernden Techno-Sound, zu dem der Bahnhof in ein kaltes, schnell flackerndes Licht gestellt wird.

Von West und Ost gleichzeitig fahren Züge mit großen Licht-Strahlern in den Bahnhof ein. Ein aufwendiges Feuerwerk rundet zum Schluss das Spektakel ab. Während der ganzen Zeit fällt feiner Nieselregen von Himmel. Der Licht-Künstler hatte sich dies nicht anders gewünscht, denn der visuelle Genuss wird hierdurch noch höher.

Am Spree-Ufer sitzen, mit einem lieben Menschen, das kann dieses Erlebnis besonders romantisch machen.

Der Hauptbahnhof ist eröffnet. Leisten können wir ihn uns auf Kosten des fortschreitenden sozialen Verfalls. Das ist nicht der Fortschritt, den wir uns wünschen können.

Wir sind pervers

…aber romantisch! „We are pervers but romantic“. Cora Frost liest Frühling und Liebe in der Buchkantine Moabit!

Sie liest moderne, anrührende Geschichten von Astrid Lindgren, Elke Heidenreich und einem arabischen Autor. Zwischendurch imitiert Frost wild eine Elektrogitarre zu einem Gedicht von Gary Schmalzl, den sie dabei natürlich auch imitiert. Auch ein eigenes Liebeslied für Berlin gibt sie zum Besten: Süßlich und wunderschön.

Dazu gesellen sich Heinz, „der letzte noch lebende Marxist“ und der Frühling persönlich: Ein alter Mann schwingt des Frühlings blaues Band, wild tanzend in weißer Unterhose und weißen Flügelchen!

Wir lieben.

Mein Körper ist ein Hotel Frost Astrid Lindgren Elke Heidenreich

Unser Freund

…ist ein Roboter. My Robot Friend lässt lang auf sich warten und beginnt dann seine Show im Friedrichshainer Rosi’s weit nach Mitternacht.

Verstehen können wir ihn recht gut, irgendwie, nur sprachlich und akustisch ist’s schwierig. Einerseits scheint My Robot Friend ein typischer US-Amerikaner zu sein, andererseits aber sowohl der Ausdruck des Untergangs als auch die Wiedergeburt von Zivilisation und Menschlichkeit – und ja, eigentlich ist auch das ein typisch US-amerikanischer Widerspruch. Auch vermag man es sich gut vorzustellen, unter welchen Umständen My Robot Friend einmal aufgrund exzessiven Schreiens verhaftet wurde.

Der helle Wahnsinn erobert die Bühne, Be- und Erleuchtung inklusive. Er tritt auf wie ein Robotmensch, mit allerlei Effekten, nervöser Musik und Gesang. In seiner Kluft wirkt er auf eine besondere Art isoliert. Dies erscheint mir analog zu unserer Zeit: Eine gewisse Energie in jungen Menschen, fortschrittlich und avantgardistisch zu sein, welche sich aber in isolierten Sphären abspielt. Dennoch schafft My Robot Friend mittels seiner Performance eine Nähe, die vermutlich auf jener Analogie zu den einzelnen Jungmenschen im Publikum gründet. Dort übrigens mit dabei: Die unfassbare Janine Rostron alias Planningtorock (PTR).

My Robot Friend My Robot Friend My Robot Friend PTR

Freak Frost

…im Bremer Güterbahnhof: Hello monsters, freaks and perverts!

„You are ugly. I hate you. Fucking mob!“ (Frost)

Das Performance-, Maschinen- und Multimediakunst-Festival „freaks, friend & players“ bietet fast zwei Wochen lang diese außergewöhnliche Melange. Der Publikumszuspruch fällt leider eher gering aus.

Im Zelt inmitten der Lagerhallen sammeln sich heute immerhin 30-40 Menschen an. Unweit rauschen Güterzüge ratternd und tutend vorbei und aus dem benachbarten Schuppen dröhnt ein Konzert der Bremer Band TekFu. Das alles bringt eine Cora Frost nicht aus der Ruhe. So beginnt der späte Abend – es ist immerhin schon gegen elf – sehr ernst und leidenschaftlich mit einem ausgedehnten Lied über die Liebe zu einer Maria auf dem Lande.

Später wird es im Duett mit Sven Ratzke zu „Bang Bang“ oder „Perfect Day“ lustiger. Am Flügel: Uwe Matschke, der bereits vor dem Zelt lange auf- und abtigerte. Auf einem kleinen Kippeltisch im Publikum dreht sich Frost im Dunkeln zu einem französischen Chanson – singend. Frosts eigene Songs zeigen ihren Genie, ihre Stimme berührt!

Unter ihrem weiten Faltenrock trägt sie Huren-Outfit, dazu scheußliche Absatz-Schuhe, während Sven Ratzke gewohnt elegant, aber trotz engagierter Show-Entertainment-Gesangs-Einlagen etwas blass und im Unvorhergesehenen etwas unsicher wirkt. Die geforderte, zweite Zugabe überfordert ihn sichtlich, während Frost nun die einzig richtige Konsequenz zieht und ihren Kollegenfreund erschießt: „Bang, bang!“

So blau Frost Cora Frost