Showbahnhof

Bevor am späten Abend eine tatsächlich grandiose, pompöse und auch anrührende Show zur Einweihung des Hauptbahnhofs stattfindet, bei der Hunderttausende bereitwillig mitfeiern werden, erleiden einige weniger Überzeugte Schwindelanfälle beim Gedanken an die vielen Millionen Euro, die das Bahnhofs-Projekt verschlungen hat.

Zufällig treffen die Schwindelnden auf einer Brücke vor dem neuen Bahnhof aufeinander und dergleich zusammen. Einige schaffen es dennoch, ein paar treffliche Worte über die Verschwendung öffentlicher Gelder in Zeiten massiven Sozialabbaus zu finden.

AktivistInnen von Attac halten Schilder hoch, auf denen sie den Stopp des Ausverkaufs der Bahn, also des öffentlichen Vermögens, fordern.

Während die Menge der schwindlig Umgefallenen so groß wird, dass auch die Straße nicht länger frei zu halten ist, sichern eilig herbeigerufene paramilitärische Einheiten den Massenschwindel ab. Derweil beginnt die frühere Baustadträtin von Mitte, Karin Baumert, freundliche Gespräche mit den strengen Uniformierten, wobei sie fortwährend von einer Straßenseite zur anderen pendelt und so den Raum für alle Beteiligten zu öffnen versucht.

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Nach Sonnenuntergang bohren sich mittels einer aufwendig inszenierten Licht- und Musik-Show, die viele Kilometer weit zu sehen und zu hören ist, Löcher in den Verstand. Die Herzen des Publikums erweichen auch bei der Musikauswahl, die neben altbewährten Schlagern und Rocksongs aus Ost und West auch klassische Klänge bietet und – allen Spießern zum Trotz – auch hämmernden Techno-Sound, zu dem der Bahnhof in ein kaltes, schnell flackerndes Licht gestellt wird.

Von West und Ost gleichzeitig fahren Züge mit großen Licht-Strahlern in den Bahnhof ein. Ein aufwendiges Feuerwerk rundet zum Schluss das Spektakel ab. Während der ganzen Zeit fällt feiner Nieselregen von Himmel. Der Licht-Künstler hatte sich dies nicht anders gewünscht, denn der visuelle Genuss wird hierdurch noch höher.

Am Spree-Ufer sitzen, mit einem lieben Menschen, das kann dieses Erlebnis besonders romantisch machen.

Der Hauptbahnhof ist eröffnet. Leisten können wir ihn uns auf Kosten des fortschreitenden sozialen Verfalls. Das ist nicht der Fortschritt, den wir uns wünschen können.

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