Lauti

Are you a man or a woman?

No!

Im übervollen Gang des InterCity nach Berlin sitze ich neben einer Mutter zweier kleiner Mädchen. Gegen Ende der Fahrt werden die Kinder auf mich aufmerksam, eines wendet sich vertrauensvoll an seine Mutter: „Mama, ist das ’n Mann oder ’n Mädchen?“ Mama ist sich ganz sicher: „Ein Mann, der hat lange Haare, wie du.“ Ich schaue zu ihnen hinüber. Das Kind sieht mich ungläubig an; ans mütterliche Bein geklammert, fragt es nun ohne Umwege: „Bist du ’n Mann oder ’n Mädchen?“ – „Ist das denn so wichtig?“ Während das Kind ob meiner Antwort verstummt, denkt die Frau Mama laut nach: „Auch ’ne gute Gegenfrage! Wichtig ..., ja, irgendwie schon ...“

Ach, Mädchen!

Eine angenehme Überraschung hingegen bot sich mir in einer übervollen Ringbahn: Ein großer Junge steht mit Vater und Fahrrad im Gang. In ihrer Unterhaltung fällt das gemeinhin arg strapazierte Wörtchen „normal“, in welchem Zusammenhang, entzieht sich leider meiner Kenntnis. Wie sich Männer eben so unterhalten, denke ich mir – vorschnell allerdings, denn ihre Konversation endet anders als erwartet: „Normal!? Es gibt kein normal. Normal ist, was für dich gut ist!“ Und der Herr Papa verstummt.

Mensch, Junge!

„Mit dem Modus der Anrede lege ich zugleich die Qualität des Diskurses fest (...). Kann ich einen Menschen sehen oder ist mir niemals möglich, derartiges zu sehen, weil ich, wenn ich jemandem gegenüberstehe, ausschließlich Frau oder ausschließlich Mann vor mir sehe. Das ist eine Frage, die sich ebenso gut umkehren lässt, und dann lautet sie: (Ist es nicht vielmehr so, dass es nur) den einen Menschen (gibt), dieser Mensch besitzt einen Charakter, dieser Charakter besteht aus Eigenschaften, diese Eigenschaften bilden einen Systemzusammenhang und nach unterschiedlichen Gesichtspunkten aufstellbare Hierarchien, und dann ist der Sexus lediglich ein einzelnes Element dieses Systems. Ich wäre dafür, das letztere als richtig anzunehmen (...). Ich (...) werde (...) den Ort des Schönen und des Hässlichen, des Guten und des Schlechten suchen, den Ort all dessen, womit die Liebe befasst ist, und diesen Ort kann ich nur im Wesen, im Charakter eines Menschen, im Dialog von Charaktereigenschaften mit Charaktereigenschaften und keinesfalls im Sexus des Menschen finden. Nicht nach Maßgabe seines Geschlechts spreche ich von seinem Charakter, sondern nach Maßgabe seines Charakters spreche ich von seinem Geschlecht.“ (Péter Nádas: Von der himmlischen und der irdischen Liebe).

So ist es. So soll es sein.

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Geschlecht ist „eine Imitation,
zu der es kein Original gibt“.
Judith Butler