Realer Wahnsinn: Brazilification

„Brazilification“ von Die neue Dringlichkeit kommt als sinnbildstarkes Zwei-Personen-Stück daher, zieht sein Publikum von Beginn an in den Bann der Erzählung, schafft es dann mühelos, die Spannung aufrechtzuerhalten und bleibt bis hinein in die letzten Momente – in welchen dunkelhäutige Neugeborenenpuppen in rascher Folge auf die Bühne geschleudert werden – unvorhersehbar.

Als metaphorisch stimmige, humorbegabte Auseinandersetzung beheimat sich das nur scheinbar zeitgebundene Dokument „Brazilification“ im Grenzgebiet von bestürzender Tatsachenbeschreibung, tragikomischer Realsatire, Anklage und politisch unkorrekter Intervention in übermächtige Gegebenheiten scheinbar geewigter Unrechtssystematiken. So entwickelt sich aus performativer Erinnerung altbekannter Weltverhältnisse und jüngst erkannter autobiografischer Realitäten eine unterhaltsame Wilderei im gesellschaftskritischen Sujet.

Selten geht man ins Theater und findet vor, was man vorfinden möchte, und gleichzeitig solches, dessen man vorzufinden nicht zu hoffen gewagt hatte. „Brazilification“ erfüllt gleich beiderlei Erwartung, ist intelligent, aber nicht verkopft, kurzweilig, aber mit langem Atem, inszenatorisch überzeugend, aber unperfekt geblieben – kurzum: Ein Bühnenwerk wie angegossen für den TD.

In Sao Paulo gibt es Hubschrauber-Taxi-Unternehmen, damit die Reichen den Boden nicht mehr betreten müssen, der ihnen unsicher scheint. Der Begriff Brazilification steht in Douglas Couplands Kult-Roman „Generation X” für: „The widening gulf between the rich and the poor and the accompanying disappearance of the middle classes”. In Brasilien werden Vorgänge sinnlich fassbar, die auf globaler Ebene nur abstrakt zu verstehen sind: Das Auseinanderklaffen zwischen Arm und Reich, der Zusammenhang zwischen struktureller und physischer Gewalt und die Folgen der totalen Entfesselung des Marktes. Miriam Walther Kohn und Christopher Kriese sind zwischen Brasilien und Europa aufgewachsen; Marcel Grissmer ist nach der Schule als Aussteiger in dem südamerikanischen Land hängen geblieben. In Brazilification nehmen sie ihre Erfahrungen vor Ort als Ausgangspunkt für eine autodokumentarische, performative und politische Suche nach ihrer eigenen Positionierung und Möglichkeiten der Intervention.

gefolgt von: Saving Philotas (Film)

kriese/walther/grissmer befragten in Tel Aviv zusammen mit jüdischen und arabischen Jugendlichen das Schicksal von Lessings Titelhelden Philotas und fanden erstaunliche Antworten. Das Theaterprojekt entstand an der jüdischen Aleph High School und der arabischen Ajyal High School, die für das Projekt erstmals kooperierten. Premiere feierte Saving Philotas am 15. Juli 2012 im Arab-Hebrew Theatre. Der Prozess des gemeinsamen Theatermachens wurde zur Metapher für ein friedliches Miteinander. Um die Erarbeitung des Projektes und seine Bezüge zum Nahost-Konflikt zu reflektieren, entstand ein Film, dessen Rohfassung im Anschluss an Brazilification gezeigt wird.

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