Räumt das Bethanien! (Aber welchen Teil?)

Von Vorurteilen und Klischees, Verdummung und Hetze

Es ist geradezu peinlich, was zum Thema Besetzer im Bethanien immer wieder in Medien wie dem Tagesspiegel, der Berliner Zeitung oder der WELT publiziert und dann z. B. von Medien wie dem rbb oder dem Hauptstadtblog unhinterfragt wiedergegeben wird.

Zum Beispiel haben die Besetzer im Bethanien dem Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg von Beginn an Mietzahlungen angeboten. Diese Angebote wurden stets abgelehnt. Dennoch wird in den besagten Medien fortlaufend aus einer Hass-Perspektive berichtet, aus der heraus die Besetzer zu Schmarotzenden erklärt werden. Ganz offensichtlich hat man sich bei dieser Argumentation an die Märchen des Leiters der Künstlerhaus Bethanien GmbH angelehnt. Christoph Tannert hatte wiederholt in zahllosen Medien mit Dreck auf die Nachbarn geworfen und gern auch die ganze Kiezbevölkerung gleich mit bedacht. „Wenn Sie mich einladen, komm ich nicht!“

Die Bethanier aber leben und/oder arbeiten im Bethanien, öffnen zudem das Haus für Anwohner und für sehr unterschiedliche Initiativen – darunter durchaus auch bürgerliche – und entwickelten in ihrer Freizeit dann auch noch Konzepte für das Bethanien, welche die Politik – angesichts ihrer Überlastung und offensichtlichen Unfähigkeit – über die Jahre nicht hinbekommen hatte. Im direkten, persönlichen Kontakt mit der Initiative Zukunft Bethanien sowie den Besetzern wird schnell klar, dass Vielen oftmals kaum die Zeit dafür reicht, noch mehr an Konzepten zu arbeiten. Entsprechend oft geschieht mitunter, dass man von den Bethaniern mit zusätzlichen, diesbezüglichen Anliegen vertröstet wird, weil die Erwerbsarbeit der – glaubt man der Mehrheit – angeblich vor sich hin faulenden Besetzer dazwischen kommt. In diesem Lichte also erscheinen die gemeinhin kolportierten Besetzer-Klischees allenfalls belustigend.

Wahrlich seltsam erscheint auch, dass in vielen Medien gegen die sich um das Gemeinwohl Bemühten gehetzt wird und diesen dann – wie im Falle des Bethanien – Zahlen und Verluste (Miete; Bezirkshaushalt) angelastet werden, die sich aus ganz anderen Zusammenhängen ergeben. Ein Stichwort dabei waren und sind die Kalkulatorischen Kosten. Aber diese stellen für die meisten Redaktionen offenbar eine Überforderung dar. Öffentlicher Raum jetzt kapitalverzinst; Bezirke unter Privatisierungszwang

Für das Künstlerhaus Bethanien indes ergeben sich in Wahrheit fast ausschließlich Vorteile durch die Besetzer im Südflügel: Neben der künstlerischen Befruchtung – Beleg dafür sind die Künstler das Künstlerhauses, die sich mit dem benachbarten, besetzten Südflügel künstlerisch auseinandersetzen oder gar dort ausstellen – und der erhöhten Publicity, sind es vor Allem die deutlich günstigeren Mieten, die auch die Künstlerhaus Bethanien GmbH – in einer selbstverwalteten Struktur – betreffen würden. Der Geschäftsführer Tannert vertritt innerhalb des Künstlerhauses daher eine eigenwillig irrationale Position, die durch hervorgebrachte Wiederholungen weder in ihren Befürchtungen, noch in ihren Zuschreibungen gegenüber den ungeliebten Nachbarn, wahrer wird.

Interessant ist in diesem Zusammenhang außerdem immer auch, dass offenbar der Wille, der über das erfolgreiche Bürgerbegehren der Initiative Zukunft Bethanien mit 14.000 Stimmen bekundet wurde, medial geflissentlich ignoriert wird. Bedarf das eines Kommentars bezüglich der Demokratiefähigkeit? Ich denke nicht, denn es spricht für sich und zeigt, wessen Interessen in dererlei Konflikten unter die medialen Räder geraten. Der „Kiezdödel“, wie Tannert in ihn nennt, hat in Wahrheit keine Lobby und wenn er aufbegehrt, dann wird er schnell niedergeworfen und mit kleinen Häppchen abgespeist. Das von der Bezirkspolitik widerwillig zugestandene und stets auch vom Künstlerhaus schikanierte Anwohnerforum (SOFA) ist hier das beste Beispiel für die Unterbindung von – offenbar gefürchteter – Selbstorganisation.

Das Fazit fällt bitter aus: Immer wieder ist es einfach nur traurig, von Verachtung durchsetzte und auf nicht einmal Halbwissen beruhende, wilde Mutmaßungen zu lesen. Der Fetisch Arbeit und der für Hetze stets aufnahmebereite, medial dumm gespamte, von Vielen in der Politik gewünschte Vorzeigekonsument bilden das leitkulturelle Umfeld für gehorsame Dienste an einer durch allerlei Unmenschlichkeiten gekennzeichneten Gesellschaft, in der die Antwort auf die fortschrittlichen Kräfte in einem billigen Abbild der Herrschaft der von den besagten Verwerfungen begünstigten Profiteure nur diese Prägung kennt: Verdummen. Aufhetzen. Gewalt.

Von Rio bis Yilmaz - Begehren zur Zukunft des Bethanien

Von Rio bis Yilmaz – Forderungen des Begehrens zur Zukunft des Bethanien

Zitronen & Zitronen – Mafia trifft auf Mafia

Die Tempelhof-Mafia macht den großen Wind gegen die vernünftige Stilllegung des Flughafens. Und auf wen trifft sie dabei? – Ja genau, auf die Mafia, die gegen jede Vernunft einen Flughafen in Schönefeld ausbaut, entgegen allen Studien und Empfehlungen.

Da hilft wohl nur dreierlei: Keine (Billig-) Flüge promoten, keine Erlebnisberichte vom ach so neuen Flughafen (man erinnere sich an den Quatsch bezüglich des sog. Hauptbahnhofs) und last but not least: Den Senat aus SPD und „Die Linke“ abwählen, CDU und FDP nicht wählen, auf die GRÜNEN nicht vertrauen (altbekannte Geschichte des Einknickens) und daher am Besten (und sowieso aus Notwehr) den pseudo-demokratischen Beteiligungsmaschinen den Saft abstellen.

Was dann käme, können wir ja zum Beispiel auch in diesem Forum ausdenken und diskutieren. Zumindest die Gedanken sind ja angeblich noch frei.

Im Übrigen ein viel spannenderes Volksbegehren-Thema:

www.berliner-wassertisch.net
www.unverkaeuflich.org

Harte Welle Lesetipp

AbrissIndyPrint

Im Eberswalder Jugendmagazin IndyCindy äußert sich die Ostprinzessin zur Entstehung des ABRISSBERLIN/Indymedia-Prints:

„Die Produktion war ein einziges Chaos. Soetwas habe ich noch nicht erlebt! Für mich war das wie ein Lehrgang in Sachen Chaosmanagement. Das Produkt kann sich aber durchaus sehen lassen und schlussendlich haben wir hoffentlich gelernt, dass unser beseelter Zusammenhalt der bedeutendste Vorteil gegenüber den seelenlosen Mediaspree-Investment-Zombies ist.“

„Diese Übertreiber!“ – Spreeufer für Alle

Kampagne gegen Privatisierungen – Unerwartet hoher Zuspruch

Die Aktionen gegen „Mediaspree“ nehmen drastisch zu und das vor zwei Wochen begonnene „Bürgerbegehren Spreeufer für Alle“ übertrifft bereits jetzt sämtliche Erwartungen. Etwa 2.000 Menschen haben schon unterzeichnet. An den Ständen herrscht reger Betrieb und ausnehmend gute Stimmung. Sehr viele Unterzeichnende äußern Glückwünsche, einige wollen selbst sammeln gehen. Viele haben aus den Zeitungen oder aus dem Fernsehen vom Widerstand gegen die „Mediaspree“-Planungen erfahren und können kaum erwarten, selbst auch zu unterschreiben.

Es fällt auf, dass Menschen aus dem gesamten Spektrum der Bevölkerung unterzeichnen. Die Ostprinzessin begeistert: „Am Sonntag auf dem Boxhagener Platz habe ich den schönsten Tag seit langer Zeit verlebt, weil die Menschen Schlange standen und alle Begleitumstände wunderschön waren. 477 Unterschriften kamen dort in wenigen Stunden zusammen: 77-jährige Spießbürger neben Punks aller Sorten neben Müttern und Vätern mit Kindern neben Anzugtypen neben Lesbenpärchen neben Galerieschwuppen neben Akademikerinnen neben Arbeitern neben Leuten, die grad den ersten Tag überhaupt in Berlin sind. Vor uns der Flohmarkt mit Puppenspieler und Musike, Sonne im Rücken und fallendes Laub, auf der Wiese eine Tunten- und Transen-Performance!“ Am Stand gab es fast keine Diskussionsnotwendigkeit oder negative Anmerkungen, dafür aber viele gute Wünsche und einige Denkanregungen. O.: „Die Leute sind sauer auf die ignorante Stadtplanung des Senats und sie können nicht verstehen, dass der Bezirk nicht mit aller Macht eingreift.“ Nun wird also an den Sammelständen abgestimmt. Eine 21-Jährige bringt ihren spontanen Eindruck vom „Mediaspree“-Planwerk erschrocken zum Ausdruck: „Diese Übertreiber!“

Heute Mittag haben sich einige Aktivisten von Mediaspree Versenken an der O2-Werbetafel verabredet – zur Ablenkung, denn die Aktion fand ein paar Hundert Meter östlich davon statt: Am Osthafen. Dort war kurz zuvor ein BEHALA-Schild bemalt worden. An der Werbetafel allerdings trafen sie nicht nur auf die geladene Presse, sondern auch auf Polizei und 5 Security-Gorillas der Anschutz Entertainment Group. Auch eine Vertreterin der O2 World war vor Ort und erklärte ihnen und den staunenden Passanten, warum kurz zuvor das Loch in der Mauer der East Side Gallery, das eigens für den „freien“ Blick auf die O2-Halle geschaffen wurde, mit einem Bauzaun versperrt wurde, so dass kein Zugang zum Ufer möglich war. Achtung Baustelle! Betreten verboten! (Privatgrundstück) – eine interessante Behauptung. Angeblich waren zuvor Gotcha-Kugeln gegen die animierte Werbetafel geworfen worden und japanische Spezialisten müssten sich den Schaden näher ansehen.

Mit den bereitgestellten Gorillas und der Dame von O2 konnte man indes wunderbar philosophieren, wobei ihre Philosophien im Grunde darin bestanden, ihren Arbeitgeber in Schutz zu nehmen und von den entstehenden Uferbereichen zu künden. Investigative Nachfragen – bezüglich der diversen Lücken im „Park“, der (nicht nur) geistigen Umweltverschmutzung der O2-Tafel und der auf ihr montierten Kameras, sowie bezüglich der entstehenden, überwiegend prekären Arbeitsplätze (die allerdings ohnehin an anderer Stelle aufgrund der Konkurrenzsituation wegfallen) konnten oder wollten sie nicht beantworten.

Am bemalten Osthafen-Verkaufsschild, neben Universal-Zentrale und Labels, kam es unterdes zu einem weiteren Fotoshooting für die Presse. Der zuständige rbb-Reporter, der hier mit seinem Team für die Abendschau unterwegs war, machte zu guter Letzt noch ein paar Fotos und verabschiedete sich: „Vielen Dank! Viel Erfolg! Und Tschüss!“ Der zuständige Polizeibeamte (Polizei des Bezirksabschnitts) klopfte einem Aktivisten zum Abschied liebevoll auf die Schulter und bilanzierte seinerseits, dass die erwünschten Bilder nun ja entstanden seien. Das erfreute auch ihn sichtlich. Das bemalte Schild übrigens erregte keinerlei Anstoß.

Die Aktivisten von Mediaspree Versenken fordern den sofortigen Stopp aller Verkäufe von Landeseigentum. 50 % des Osthafens wurden bereits verscherbelt. Es wird bis 10 Meter ans Ufer heran gebaut: Büroblöcke. Zudem sind Hochhäuser vorgesehen. MTV nutzt „seinen“ Uferbereich am Osthafen übrigens besonders kreativ: Als Parkplatz.

Andrang: Begehren unterschreiben Boxhagener Platz: Unterschreiben gegen Mediaspree O2-Werbetafel hinter bewachten Gittern Am O2-Pier: rbb Kamerateam Polizei vor der O2 World BEHALA-Schild am Osthafen Gruppenbild mit OstprinzessinAbendschau am Osthafen Scheiss Musikindustrie
Foto 7: rbb-Reporter

Weinprinzessin

In der gestrigen Lila Late Night auf Radio Tumultikulti offenbarte sich die weiche Seite der Ostprinzessin: „So ist Berlin. Ein Gefühl von Befreiung. Der Groove, die tollen Ideen von Samira Fansa, die beharrlich ernste Art von Ari Som und dazu Fatmas innige Begleitung: das alles hat mich tief berührt. Dann flossen Tränen.“

Mediaspree versenken: Ein starker Rap gegen das Projekt „Mediaspree“ in Kreuzberg-Friedrichshain in Berlin. Der Rap ist ein politischer Spaziergang durch einzelne Orte in Berlin, radikal und queer. In seiner Form – aktuell einmalig als lesbisch-schwul-trans-queerer Videoclip – wird die zunehmende Kommerzialisierung, Verblödung und Stadtumstrukturierung von Ari Som, Fatma Souad, J-Fresh, Gysie, Toni Transit, DaDa d.Bil, Vic, Bubi Messy und Samira Fansa ins Visier genommen: Musikvideo auf kanalB.

Wir stellen uns queer.

Wir stellen uns queer.

Verrückte Killergurke & Ostprinzessin beim Transgenialen CSD.

Kiezspaz versenkt Mediaspree

Siehe da! Der gestrige Kiezspaziergang im „Mediaspree“-Gebiet hat das Wetter motiviert, „Mediaspree“ zu versenken – mit viel Nass von oben. Etwa 100 Menschen kannten ebenfalls kein Erbarmen.

Motiviert schien zunächst auch die Polizei: Die den Spazierenden zur Seite gestellten Einheiten – mit einem guten Dutzend Fahrzeugen, Hundestaffel, Vorkontrollen und Durchsuchungen – haben diese sicher und mit viel Aufwand durch Friedrichshain und Kreuzberg geleitet. Unternehmen wie Universal, MTV oder Allianz wurde ein besonderer Schutz zuteil. Kläffende Hunde und nervöse Absperrungen werden sicher ihren Grund gehabt haben, denn die Demonstrierenden waren immerhin mit Regenschirmen und poltischem Engagement bewaffnet. Letzteres macht so Einigen in der Politik zu schaffen. Außerdem gesellte sich auch ein kürzlich unfreiwillig bekannt gewordener Sozialwissenschaftler zum Kiezspaziergang – mit Töchterchen auf dem Arm, den Kinderwagen der terroristischen Vereinigung der Familie schiebend. Sehr verdächtig!

Einmal mehr verfestigte sich der Eindruck, dass auch deshalb irgendetwas faul sein muss an der Media-Spree, weil mit so großem Widerstandspotential gerechnet wird. – Nächstes Mal dann! Vielleicht schon mit ein paar tausend Unterschriften des „Bürgerbegehren Spreeufer für Alle“ im Rücken?

Beim letzten Mal regnete es nicht und die Fahrradrallye davor war auch toll!

Beginn am RAW, Revaler Straße Spreeufer neu denken - Mediaspree versenken McDonald's ist nicht so beliebt... Kiezspaziergang in der Warschauer Straße Vor Universal: Freude schenken - Enteignung denken Ostprinzessin am Osthafenspeicher Martialischer Schutz für MTV Jedes Gebäude wird bewacht... Schutz für schlecht vermietetes Allianz-Hochhaus
Mehr Informationen auch hier: Mediaspree Versenken

Mitschnitt Ziviler Ungehorsam

„Wer hat hier die Macht und wie geht er damit um?“

Wir wollen kein Stadtschloss, keine Kopie, keine Schlossfassaden, keine Erinnerungskulisse. Wir – das sind die Berliner, die von den selbsternannten Schlossbeauftragten nie gefragt wurden, in Umfragen aber ein Stadtschloss regelmäßig ablehnen. Bereits die Berliner vergangener Zeiten haben das Stadtschloss großenteils nicht gewollt, haben die Baustelle Spree-geflutet, um ein Zeichen zu setzen. Das ist nun Jahrhunderte her, doch die Spree fließt immer nach wie vor, und frech und kreativ sind viele Berliner auch heute noch…

Haben eigentlich nur die von „Großmannssehnsucht“, Geschichtsklitterung und Kapitalinteressen unbeeindruckten („verschonten“ kann man sicher nicht sagen) Menschen noch Visionen jenseits der Planungen zu einem „Humboldt-Forum“? Und warum ziehen die, die ein sog. heiles Stadtbild präferieren, eigentlich nach Berlin? Ich sage mal: Regensburg hieße euch willkommen!

Zur Erinnerung: MP3-Live-Mitschnitt „Wer hat hier die Macht und wie geht er damit um?“; Bebilderung der Aktion: Offener Brief an den Senat (ABRISSBERLIN).

Mitmischen (im)possible - Ostprinzessin am Rosa-Luxemburg-Platz
Foto: Editha Künzel

mit-mischen (im)possible? – Die Konstituierung der Stadtgesellschaft – Stadtforum Berlin 2020“ im Filmkunsthaus Babylon am Rosa-Luxemburg-Platz:

Wer einmal eine Alibi-Veranstaltung par excellence erleben möchte, der besuche einfach ein sog. „Stadtforum“ aus dem geschätzten Hause der Stadtentwicklungssenatorin Junge-Reyer. Vor etwa 400 Gästen fand sie klare Worte. Zu Beginn des Live-Mitschnitts ist die „Auszeichnung für Ignoranz“ zu hören, verliehen vom Palastbündnis, danach der Anfang der Rede der Senatorin, welche hier versehentlich die Wahrheit spricht…

Bündnis für den Palast

„Der Großen Hochmut wird sich legen, wenn unsre Kriecherei sich legt.“ nach Gottlieb August Bürger

Heiligendamm: Trauma und Erweckung

Die Sonne scheint ausgiebig, der Himmel ist heiter, die Landschaft wundervoll, und Angst ist ohnehin Deine ständige Begleiterin, und bekanntermaßen ist sie ja ein Überlebensinstinkt. Die Einheimischen erscheinen Dir sympathisch, die Menschen im übervollen Camp mal so und mal nicht so, für die Einsatzkräfte der Polizei gilt dasselbe, und die Lage der Welt ist nicht besser und nicht schlechter als vorige Woche. Doch irgendetwas ist ganz anders in diesen Tagen. Es ist G8 und die Vorsitzende des gerade vorsitzenden Landes hat nach Heiligendamm geladen. Im Zeichen der Angst der Mächtigen gegenüber denen, die zu „ihrer“ Bevölkerung zählen, wurde der Ort eingezäunt. Tausende Kritiker wurden bereits vor den Protesten kriminalisiert. Polizei und Militär sind im Dauereinsatz. Irgendein Gefühl, dass Du noch nicht gekannt hast, hat Dich hierher getrieben. Du wolltest es mittendrin erleben, ohne zu wissen, was das bedeuten würde. Was Du dann tatsächlich erlebt hast, hat Dich in vielerlei Hinsicht tief erschüttert.

Heute, einhundert Tage später, hast Du noch immer das himmlische Geräusch im Ohr, das permanente Kreisen der Helikopter, sobald Du an Heiligendamm denkst. Sie flogen am Tag und in der Nacht. Tagsüber kreisten sie einzeln, zu zweit oder zu sechst über Dir und in den Nächten stand ein Helikopter im Himmel, tief über dem Camp, um halb drei und dann um fünf nochmal, jeweils zehn Minuten lang. Schon den ganzen Tag und die halbe Nacht über waren die Helikopter im Einsatz über dem Camp und um das Camp herum gewesen. Nachts dann riss dies Tausende aus dem Schlaf. Angst und Unsicherheit wichen dem nächtlichen Frieden. Unten – im Zelt liegend – versteht man sofort, was der Zweck und was die Botschaft ist. Das unmittelbare Ziel des Einsatzes ist Folter durch Schlafentzug. Eine Entschuldigung dafür findet sich in Dir auch nach langem Nachdenken und Abwägen nicht. Dieses Zeichen der Erbarmungslosigkeit hat sich tief in Dich eingraviert.

Die enervierende Geräuschkulisse stellt jedoch nur das halbe Vergnügen dar, auch Bilder haben sich in Dich eingebrannt. Nie zuvor hast Du derart viele und aufgeregt hin- und herfahrende und auf allen Wegen, Um- und Unwegen erscheinende Polizeifahrzeuge erlebt, nie zuvor wurdest Du im freien Gelände verfolgt und gejagt, auf den Äckern, an Waldesrändern, auf dem Deich, am Ostseestrand, im Zeltlager, auf der Straße, auf den kleinen Abzweigen, zwischen Schafgeblök und Grillenzirpen, weit vor den Zäunen, Toren und bis an die Zähne bewaffneten Einheiten mit Schießbefehl, die den G8-Tagungsort Heiligendamm wie eine Festung sicherten und kilometerweit gegen jedwede Störung abschirmten. Noch Wochen nach Deiner Rückkehr in die vermeintlich friedsame Heimat siehst Du Mannschaftswagen, vor Dir fahrend oder stehend oder entgegenkommend,  sobald Du die Augen schließt. Das Gefühl dazu legt sich über all Deine sonstigen Empfindungen wie Mehltau. Vor deinen Augenn sind die Bilder präsent, sobald Du an Heiligendamm erinnert bist. Du denkst an den Hass und die Verachtung in den Gesichtern der mit willkürlichen Absperrungen betrauten und vor ihren gewalttätigen Räumungseinsätzen stehenden Einsatzkräfte. Du erinnerst Dich an die Rambos ebenso wie an jene Männer, die dem Anschein nach einer Boygroup hätten entsprungen sein können. Diese Gedanken verdunkeln Dein Gemüt, denn Du denkst an die Selbstverständlichkeit, mit der sie ihren Hass verbal bekräftigten: „Das müssen wir noch alles wegräumen“, sagte der eine und schon warst Du jeglicher Menschenwürde beraubt.

Gemeinsam mit hunderten anderer betrittst Du die idyllische Bühne eines gewaltigen Schauspiels. Du überquerst die sanften Hügel der Sommerwiesen, die in der Sonne leuchtenden Felder, überwindest Stacheldraht und Gräben, änderst Deinen Kurs, sobald Deine Verfolger Dir zu nahe kommen. Am Ende gelangst Du an das Osttor des mächtigen Zauns, der den Ort Heiligendamm weiträumig abriegelt. Immer mehr Menschen gelangen auf provisorischen Wegen an das scharf bewachte Tor. Auf der Zufahrtsstraße versammelt sich die immer weiter anwachsende Menge, informiert und berät sich, hält einander fest. Viele sitzen oder liegen erschöpft auf dem Asphalt. Gelegentlich streifen Einsatzkräfte in voller Montur durch die Masse, um dann wenig später den Rückweg anzutreten. Manchmal preschen sie mitten durch die verunsicherte Menge, andere Male patroullieren sie am Rand. Räumpanzer und Wasserwerfer werden in Stellung gebracht. Aus Megafonen und Lautsprechern tönen strikte Aufforderungen; die Durchsagen werden von Mal zu Mal martialischer.  Zwei Helikopter kreisen bereits seit Stunden über euch. Plötzlich landen im hohen Gras einer angrenzenden Wiese sechs Helikopter. Einsatzmannschaften steigen aus und laufen auf die Menge zu. Ihre Montur, die Schlagstöcke, die lauten Motoren verschaffen sich zweifelhaften Respekt. Doch diesmal blufft die Staatsmacht nur. Nachdem die Kämpfer wieder abgezogen sind, erscheint Kavallerie. In einer Reihe von neun Pferden sitzen wiederum Herren in voller Montur. Und wieder fragst Du Dich, was in den nächsten Momenten geschehen wird. Die Reiter erscheinen Dir bedrohlich, der Himmel trägt Spannung, was währenddessen an den Flanken geschieht, weißt Du nicht.

Aus intellektueller Distanz heraus mag man die gewaltvollen Eingriffe der Staatsmacht als lachhafte Muskelspiele abtun wollen, denn „umso lächerlicher stand sie da mit ihrem überzogen militanten und gewaltbereiten Apparat“, so ein Berliner Kommunikationswissenschaftler. Zum Lachen aber animiert nichts, während sich die unmittelbare Praxis vollzieht. Keiner jener Eindrücke erweist sich als unbedeutend, alles daran ist so bedrohlich und so wesentlich wie es erscheint, wenn Gefahr, Angst und adrenalingeschwängerte Unsicherheit um sich greifen. Und dann kehrst Du mit einem Gefühl heim, das Du vorher nicht gekannt hast, dem Du allerdings zutraust, Deine ganze Existenz verändert zu haben. Denn das war Krieg, ohne Bomben, ohne Schusswaffeneinsatz – fast –, ohne Tote zwar – noch –, doch nichts kann verleugnen: Ein Staat führt Krieg, Krieg gegen Dich, gegen Euch.

Mittendrin wolltest Du sein, ahntest Du ja nicht, was dies bedeuten würde. Eure Bewegung der Bewegungen sahst Du dort, hast sie erlebt, sie verstanden; auch vieles andere hast Du nun begriffen, und lang hast Du gewartet, tief nachfühlend, um von einigen der Vorgänge um Heiligendamm ohne Hass und ohne überzogene Verachtung erzählen zu können.

NO G8 - Spazierengehen im Nachbarort Börgerende Heiligendamm bewachen Willkommen heißen Campen in Reddelich Planen - im Park von Bad Doberan Querfeldein dem Ziel entgegen... Hindernisse überwinden Straßen sperren, hinter den Linien Blockieren, am Osttor Am Zaun filmen, wie man gefilmt wird Der Kavallerie entgegensehen ... und Helikoptern.