Ort, der uns gefunden

Zeitenwende

Dort nur schauten wir, sähen,
hier nun stehen wir und bauen,
gehen nicht fort, auch wenn
wir niemals da sein können,
am Ort, der uns als Wir gebar
und alle Einzelhaft bezwang,
in durstigen Träumen. Denn
Appell allein im Widerklang
sein Wollen trägt zum Born.
Wir stimmen an, ermächtigt
aller Liebe Kraft und Zorn,
den Abgesang – wir gönnen –
und räumen jedem Ende
neuen Anfang ein.

Social Network Intervention

Was macht das für ‘nen Sinn,
immer zu gefallen –
Nachschub ohne Ende
auf dem Egotrip.

Tauscht Computer gegen Fernseher,
eure iPhones für Bananen,
oder nehmt ‘ne Kapsel Zyankali –
dann back ich Kuchen euch
und singe dieses Lied.

Ich dreh ‘nen Clip davon,
stell ihn dann auf YouTube,
twittre es euch allen
und poste ins Profil.

Lauscht dem Halali der Jäger,
auf auf ins Paradies…
lasst den Dingen ihren Lauf
oder fahrt damit zur Hölle
und behaltet sie für euch!

O du Schreckliche


Geleit

Wähl dann, nur der Liebe treu, mein Kind,
dein Schicksal: Greif nach dem Firn
des Heiligen – dräu Ratio mit Flügelschlag,
gebär deinen Stern im Schweif des Futur
und spann einen Schirm aus Himmelslicht
entliehener Zeit – flieg, Kindlein, flieg!

 

Für all jene, die heute vor Mauern aus Konfusion und Lüge stehen.

Bremen, 24.12.2011

Besinnliches Tun!

Energiewende

Als die
Augen uns tränten,
den Armen wir spendeten,
Weihnachtsbrunnen uns blendeten,
dem Mangel an Energie wir uns grämten,
lag ein Hauch von Zimt, nein Kohle, in der kühlen Luft;

in den Centern und Arcaden glänzten – goldbesetzt –
die makellosen Maskeraden der von Glück Getragenen,
welche unter dem Schmucke hell erleuchteter Kunststofftannen
zu Konsum hin sich besannen;

Erlösung genahte, alles erstrahlte
zehntausend Jahre lang.

[ostprinzessin, 2008]

Dank an

Loriot: Wir bauen uns ein Atomkraftwerk
& Vattenfall verzaubert Berlin

Ägide

Ägide

Wächter der Schatten rufen meine Namen:
Amos! Entbehre deiner Haft! Begehre Einlass!
Unheil dräut. Esther! Deine Arme halten nichts.
Doch nahen die Träger der letzten Gewähr:
umträumte Seele, aller Sinne Hatz entflohen,
ruhend an meiner Brust, außer sich. Zeitstäube
durchkreisen den Äther, nur einmal noch.
Gib acht! Der Sog der Vergessenheit fasst
und spannt sein Netz aus Haltlosigkeit.

Anderwärts liegt mein Zuhaus.

 

[ostprinzessin]

Sprengsatz

Die Bombe ging hoch um halb 10
– das haben alle gesehn, denn
sie waren immer noch da und es
war immer auch klar: ein paar
Scherben vielleicht, doch sterben
darf niemand, ganz ohne Frage,
und so muss es auch bleiben,
denn so geht es munter, ganz
und gar heiter, noch sehr viel
bunter und endlos so weiter –
die Bombe ging hoch um halb 10.

[ostprinzessin]

Plouescat, Juni 2010

Regen? Regen!

Traufe

Wirfst hinab zu uns, aus schwer
tragender Himmelwatte – Heil,
wir ankern an dunkler statt, von
Halt befreit, in deiner Losigkeit!
Laternenschimmer, Farbenspiel
der Ampelleuchten, Widerschein
von Stubenhell im Abglanz des
Granitmassivs; Seen in Asphalt,
Katzenaugen hinter Fensterglas.
Ich flanier’ am Pflasterstrand –
wogender Blätter Blattgerausch,
Trommeln stürzender Tropfen
spielen zum Orchester auf; über
Häuserwände eilendes Blau –
nebelner Atem des Morgengrau,
ich fühle uns verbunden: Heiße
mich! Dein Tränenreich komme,
ja, ich will!

[ostprinzessin]