Zehn Jahre Wunsch und Wahnsinn

Der Theaterdiscounter, ein gar nicht mal so kleines, gar nicht mal so unfeines Theater mitten in Berlin-Mittes Mitte, dort nun schon seit ein paar Jahren Untermieter im alten DDR-Fernmeldeamt, feiert zehnjähriges Bestehen. Eine Dekade formidabler Glücks- und liebenswerter Fehlgriffe. Kennern der Materie „Off-Theater“ gilt der TD seit langem als legitimer Bewusstseinserbe von HAU und Sophiensaelen. Während diese sich in den vergangenen Jahren mehr und mehr in der etablierten Theaterlandschaft verwurzelten, ist der Theaterdiscounter seinen Weg als Experimentierlabor und extrem basisnaher Schautempel für performatives Theater weitergegangen.

Eine solche Melange kann sich sehen lassen. Vertanes und Zahnloses, bezaubernd Entlarvendes, verkannt Genialisches, charmant Verschissenes, Revoltäres und Traditionelles, Interessantes und Irreführendes, Berührendes, Penetrierendes, Steckenbleibendes, Handgemachtes, folternd Verlesenes, intelligent Verlustigtes, sympathisch Vernuscheltes, virtuos Bemessenes, unfreiwillig Komisches, satirisch Vertanztes, freiwillig Unernstgenommenes, brillant getaktete Taktlosigkeit und wie Angegossenes reihen sich wild ans lose Band der Prinzip-Chaos-Konzeption des Theaterdiscounter. Neben einer Vielzahl stetig wechselnder freier Gruppen und diversen Gastspielen finden dort immer wieder auch Eigenproduktionen ihren Platz. Darüber hinaus erweisen sich aufwendige Interventionen à la Monologfestival als möglich und glanzvoll, wenn Zauberhände wie jene von Raumkonzeptionistin Silke Bauer daran mitwirken. Somit ist der TD zu dreierlei gereift: Souveräne Spielstätte, Forschungsraum und Durchlauferhitzer.

Dass „Das Stadttheater ist tot“, die leider nur lauwarme Jubiläumsproduktion des TD, überspannt daherkommt und trotz vieler kluger Verhandlungen und ironischer Anwandlung letztlich weder ins Publikumsherz noch ins theatereigene zu treffen vermag, ist schade. Das Stück aber leidet u. a. darunter, dass die Riege der Darsteller schlichtweg nicht gut zusammenpasst. Ein weiteres Problem benennt ein anderer Zuschauer: „Versatzstücke“. Man fühle sich regelrecht versetzt und könne nicht folgen. Doch angesichts einer langen Liste jüngster Erfolge ist ein solcher Einbruch kein Beinbruch. Außerdem ahnen wir, dass dieses „Scheitern an sich selbst“ womöglich einer metaphysischen Selbstwahrnehmung entspricht, ja dort vielleicht sogar entspringt. So lesen wir im Programmblatt: „Der Theaterdiscounter feiert im April 2013 sein zehnjähriges Bestehen mit einem Format wie es für ihn mal typisch ist: Fünf Tage Probenzeit, viele Köche, geklaute Texte und als Bühnenbild das neu kontextualisierte Kellerinventar.“

Unverdrossenes Publikum kann darauf vertrauen, dass jedem Hop schon bald ein gut erforschtes, zu Tränen rührendes Top-Comeback folgt. Den Eminenzen im Hintergrund des TD jedenfalls – Georg Scharegg, Heike Pelchen und Michael Müller – sei daher ihre Behauptung gegönnt: „Wir sind Forscher“. Und man wünscht ihnen den Mut, darin „Wir sind forscher“ zu lesen. Denn dem Theaterdiscounter obliegt gerade wegen seiner prekären Ausgangssituation nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht, der alles überherrschenden Marktkonformität in der Kunstarbeit und den ihr trotzenden Zweiflern eine mutige, eine unbequeme, eine aufwieglerische Adresse zu sein, und den Glücksbegabten unter ihnen ein fester Anker in der Realisierung beherzter Sehnsüchte und Utopien.

Bleibt noch der Wunsch: Macht weiter so! Jenseits von Gut und Böse werdet ihr gebraucht.

Eine Antwort auf „Zehn Jahre Wunsch und Wahnsinn“

  1. ZUKUNFT DES THEATERDISCOUNTER UNGEWISS

    Politik entscheidet über Gedeih oder Verderb einer wichtigen Spielstätte der freien Szene

    Jemandem alles Geld wegzunehmen, weil er davon zu wenig hat, ist zynisch. Aber genau das droht aktuell der seit 10 Jahren in Berlin erfolgreich produzierenden freien Spielstätte Theaterdiscounter. Wenn die Antwort auf prekäre finanzielle Ausstattung der Freien Kulturszene gar keine finanzielle Ausstattung ist, dann ist Freie Kultur endlich gänzlich in der freien Wirtschaft angekommen. Wo sie aber eigentlich gar nichts zu suchen hat. Der Theaterdiscounter ist nicht nur Standortfaktor für Berlin, er ist gewachsener und originärer Teil des Berliner Kulturlebens. Und den gilt es zu erhalten. Denn da, wo erstmal Wüste ist, wächst auch später kein Gras mehr.

    Ab 2015 ist die Finanzierung der Spielstätte nicht mehr gesichert. Zum aktuellen Zeitpunkt ist ein Verbleib des Theaterdiscounters in der Konzeptförderung nicht vorgesehen. Dabei hält die vom Senat eingesetzte unabhängige Jury zur Evaluation bei der Neuvergabe der Konzeptförderung für die Jahre 2015-2018 die Weiterförderung des Theaterdiscounters unter Verdoppelung der Fördersumme für dringend geboten (Gutachten vom 22.08.2013). Paradox: Da die Jury unter den gegebenen finanziellen Rahmenbedingungen keinen Handlungsspielraum hat, droht – statt der konstatierten notwendigen Besserausstattung der Spielstätte – die komplette Mittelstreichung. Die Weiterexistenz des Theaterdiscounters ist damit absolut ungewiss.

    Die Jury honoriert die Leistung des TD-Teams unter desaströsen finanziellen Bedingungen. Eine enorme Aufbauleistung wurde erbracht, ein Kulturort aus dem Nichts etabliert und weit über die Grenzen Berlins vernetzt und anerkannt. Mit einem pragmatischen „zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel“ im Hinblick auf die aktuelle finanzielle Situation dieses Theaters steht das Erreichte jetzt auf dem Spiel.

    Wir fordern Parlament und Verwaltung auf, jetzt zu handeln und der ausdrücklichen Empfehlung der Konzeptförderungsjury nachzukommen: Die notwendigen Mittel für den Erhalt der Spielstätte müssen bereitgestellt werden. Ein unabhängiger, strahlkräftiger Kulturort, einer der letzten dieser Größenordnung im Stadtbezirk Berlin Mitte, kann und sollte erhalten werden.

    Der Staatssekretär für kulturelle Angelegenheiten André Schmitz signalisierte auf der Pressekonferenz am 22. August 2013 den Willen, persönlich „sein Möglichstes zu tun“. Gemeinsam mit der Jury appelliere er an die Abgeordneten, die zusätzlichen Mittel bereitzustellen.

    Um die 500 Theateraufführungen sind für die Jahre 2015 bis 2018 geplant. Ohne die Fortsetzung der Förderung können diese nicht stattfinden. Qualitativ hochstehende Ensembles und Künstler finden bereits heute zu wenig Auftrittsmöglichkeiten. Um die Bedeutung der freien Theaterszene und damit die Anziehungskraft Berlins als Theaterstadt zu erhalten, braucht es die Produktionsorte, die für neue Entwicklungen und Experimente offen sind. Seine inzwischen bestens aufgestellte technische Infrastruktur und der professionelle Support eines engagierten Teams stellt der Theaterdiscounter vielen anderen Kompanien als Koproduktionsleistung zur Verfügung. Steht diese Infrastruktur durch die Abwicklung des Hauses nicht mehr bereit, hat dies auch jenseits des eigenen Spielplans Auswirkungen auf die Produktionsbedingungen der Darstellenden Künste in Berlin.

    Der Theaterdiscounter produziert seit über zehn Jahren. Er ist Durchlauferhitzer, Labor und Sprungbrett für Regieabsolventen und erfahrene Theatermenschen, die die Bandbreite der theatralen Formensprache erweitern, dafür ihr Publikum in Berlin finden und mit den gemachten Erfahrungen weiterziehen und sie andernorts einbringen. Stadttheater, aber auch international ausgerichtete Festivals und Kompanien profitieren von der Forschungsarbeit, die gerade an einem Haus wie dem Theaterdiscounter in optimaler Form möglich ist. Eigene Inszenierungen, erfolgreich etablierte, überregional tourende Formate und kuratierte Festivals gehören ebenso zum Programm wie Gastspiele, deutschlandweite und internationale Koproduktionen. Der Theaterdiscounter hat zu brisanten Themen immer wieder hörbar Position ergriffen und wird dies auch in Zukunft tun.

    Noch einmal: Es gilt die Schließung eines profilierten Produktionshauses und einer wichtigen Spielstätte der freien Szene mit allen Mitteln zu verhindern.

    Georg Scharegg / Heike Pelchen / Michael Müller
    für das gesamte Team des Theaterdiscounters

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