Ort, der uns gefunden

27. Januar 2012

Zeitenwende

Dort schauen wir und sehen,
hier stehen wir und bauen,
stimmen ein in Abgesang,
kämpfen mit der vollen Macht
aller Liebe Kraft und Zorn –
wir gönnen –, und räumen
jedem Ende neuen Anfang ein,
gehen nicht fort, auch wenn
wir niemals da sein können,
am Ort, der uns als Wir gebar
und alle Einzelhaft bezwang,
in durstigen Träumen. Denn
Appell allein im Widerklang
sein Wollen trägt zum Born.

In stupidem Diskursstau

14. Januar 2012

Interessantes Thema – unterhaltsam verpackt, mit überzeugenden Choreografien und guten Ansätzen, leider oftmals zu oberflächlich und voller Unschärfen, sowohl in analytischer als auch in humoresker Hinsicht.

Ein Stück von PENG! Palast. Gesehen im Theaterdiscounter.

the holycoaster s(hit) circus startet als gescheit gemeinter aber gescheiterter Dokumentarfilm über die Begegnung von Deutschen und Schweizer Schauspielern mit Israelischen Tänzern und – vor allem – über die Ansichten, die sie einander gegenüber hegen und pflegen. Der Film zeigt, wie die Beteiligten mit Toleranz und Gutmenschentum versuchen sich anzunähern. Unzensiert und politisch völlig unkorrekt sieht man die Deutschen und Schweizer, die versuchen ihr Unbehagen gegenüber Israel abzulegen und doch immer wieder in sehr unbehaglichen Situationen landen. Dem gegenüber freuen sich die Israelischen Künstler, endlich einmal mit Nachkommen „echter Nazis“ zusammenarbeiten zu können, da sie hoffen, dass dies der Garant zum Erfolg in Israel wird.

Nachdem der Film abbricht tut sich eine Manege auf, ein „Cirque des Fous“, in dem überkarrikierte Deutsche und Israelis unkorrekte Witze aneinander auslassen, sich prügeln und anschreien, Lieder erfinden und Slapstick tanzen. Über das Zeichenrepertoire des Zirkus stürzen sie von Nummer zu Nummer tiefer auf das zu, was sie nicht sagen und denken wollen. Nicht die Aufhebung sondern die Verstärkung des Unbehagens wird für Naziclown, Nibelungenheld und gewissensgeplagten Schauspieler zum Motor der Handlung und zur Belastungsprobe einer Freundschaft. Eine Zirkusmischung aus Borat, Eis am Stiel und falschem Verständnis für Probleme, die noch niemand zu lösen im Stande war. (PENG! Palast)

So Ne In

11. Januar 2012

Soziales-Netzwerk-Intervention

Was macht das für ‘nen Sinn…
immer nur gefallen –
Nachschub ohne Ende
auf dem Egotrip.

Tauscht die Computer gegen Fernseher,
eure iPhones für Bananen,
oder beißt auf ‘ne Kapsel Zyankali –
dann back ich Bananenkuchen
und singe euch ein Lied.

Davon dreh ich dann ‘nen Clip,
stelle ihn auf YouTube,
twittre es dann allen
und poste euch ins Profil.

Lauscht dem Halali der Jäger,
auf auf ins Paradies…
lasst den Dingen ihren Lauf
oder fahrt damit zur Hölle
und behaltet sie für euch!

Shelly Phillips im Berliner Untergrunddschungel

10. Januar 2012

Wer Shelly Phillips begegnet, wird kaum umhinkommen, das Attribut „süß“ zu gebrauchen, es wenigstens aber zu denken, gleichwohl die Frontfrau der Nachwuchsband Kein Frühstück auch das auf Standby geschaltete innere Raubtier nicht verhehlt. Bühnenluft macht Zaubern, und genau dies ist das Metier von Shelly Phillips – stets unter Strom und doch bedacht, beobachtend, verletzlich, ein nahbares Wesen. Gegen zuviel Nähe schützt eine stabile Fassade; Shelly weiß, wie man Posen einnimmt – welche davon sie selber zeigen, bleibt für den Betrachter unklar und vielleicht weiß auch sie selbst es nicht immer ganz genau.

Zwar spielte die Band bei ihrem Auftritt zur queeren 10:15 Tuesday Night by Ackerkeller etwas arg laut und damit um einiges zu dröhnend auf, verlor dadurch im Ausdruck an Tiefe und an Virtuosität, doch ein Fiasko kam für die selbstbewusste Shelly nicht in Frage, und so entertainte und motivierte sie das Publikum, sich und die Band so unnachgiebig, dass sich schließlich doch noch ein wertvoller Teil der eigentlichen Energie ihrer Performance zu entfalten vermochte. Unter den zahlreich erschienenen Gästen jedenfalls fanden sich sofort Neubegeisterte, welche denn auch gleich mit einer Shelly pur belohnt wurden, die einfach ihre gerade noch interpretierte Bühnenrolle gegen eine andere auswechselte und hernach mit von ihr in deutscher Sprache verfassten Liebesliedern aufwartete. Die Gitarre in der Hand, die Roheit des Raubtiers gegen aufrichtige Zärtlichkeit und fragilen Sanftmut getauscht, spürte dann am Ende auch der letzte, dass diese große kleine Person aus Oberfranken, die auf Initiative des befreundeten Künstlers Martin Maeller und der Ostprinzessin zum ersten Berlin-Auftritt anreiste, es offenbar wirklich wissen will.

Bereits in der Berliner Silvesternacht hatten Shelly Phillips und Band nicht vom Zaubern lassen können und beim privaten Wohnungsfest in der Torstraße sich selbst wie auch dem gleichermaßen überraschten Publikum ein besonderes Erlebnis beschert. Was als einfacher Soundcheck begann, entsponn sich zum halbstündigen Auftritt vor wachsendem Publikum. Auch die für die Moderation der Silvesternacht angeheuerten, in Berlin weltberühmten Heroen legendärer Untergrundkultur, Gisela Sommer und Inge Borg, wippten im Takt und ließen sich die Show gern stehlen.

Von Shelly Phillips wird man noch hören. Möge sie ein glückliches Händchen haben, sich und uns die Tiefe gönnen, die ihr innewohnt, und immer einen passenden Zauberspruch parat haben!

<em>10:15 Tuesday Night by Ackerkeller</em> mit Shelly Phillips. Foto: Ingo Lamb.

10:15 Tuesday Night by Ackerkeller mit Shelly Phillips. Foto: Ingo Lamb.

O du Schreckliche

24. Dezember 2011


Geleit

Wähl dann, nur der Liebe treu, mein Kind,
dein Schicksal: Greif nach dem Firn
des Heiligen – dräu Ratio mit Flügelschlag,
gebär deinen Stern im Schweif des Futur
und spann einen Schirm aus Himmelslicht
entliehener Zeit – flieg, Kindlein, flieg!

 

Für all jene, die heute vor Mauern aus Konfusion und Lüge stehen.

Bremen, 24.12.2011

Fröhliche Weihnacht!

19. Dezember 2011

 

„Wat war n mit Werwölfe?“
- „Ja, hab ich heut morgen bestellt!“


SPIELZEUGLAND, Schönhauser Allee

Besinnliches Tun!

18. Dezember 2011

Als die
Augen uns tränten,
den Armen wir spendeten,
Weihnachtsbrunnen uns blendeten,
dem Mangel an Energie wir uns grämten,
lag ein Hauch von Zimt, nein Kohle, in der kühlen Luft.

In den Centern und Arcaden glänzten – goldbesetzt -
die makellosen Maskeraden der vom Glück Getragenen,
welche unter dem Schmucke hell erleuchteter Kunststofftannen
zum Konsum hin sich besannen.

Ihre Erlösung jedoch nahte, die ganze Stadt strahlte,
zehntausend Jahre lang: Energiewende.

[ostprinzessin, 2008]

Dank an

Loriot: Wir bauen uns ein Atomkraftwerk
& Vattenfall verzaubert Berlin

Shakespeares Sonette

26. November 2011

Zu Tränen gerührt von der erhabenen Aura Inge Kellers (87),  der „diensthabenden Gräfin der DDR“ (Zitat: Inge Keller), in der Rolle des  Shakespeare, Jürgen Holtz (79) als Elizabeth I. und Ruth Glöss (83) als Fool; verzaubert vom betörenden Gesang des hervorragend schauspielenden Countertenors Christopher Nell als Eve.

Ein Stück von Robert Wilson. Musik: Rufus Wainwright.

Ägide

25. November 2011

Ägide

Wächter der Schatten rufen meine Namen:
Amosimus! Deiner Haft entbehre, begehre
Einlass! Esther, Deine Arme halten nichts!
Doch nahen die Träger der letzten Gewähr.
Umträumte Seele, ruhend an meiner Brust –
außer sich –, aller Sinne Hatz entflohen;
Zeitstäube durchkreisen den Äther. Noch
einmal nur. Sog der Vergessenheit fasst
und spannt sein Netz aus Haltlosigkeit.

Anderwärts liegt mein Zuhaus.

 

[ostprinzessin]

turn the page

19. November 2011

Jedes gelebte Leben hinterlässt Spuren – bewusst und unbewusst gelegte – die lesbar sind für die Mitmenschen und die Nachwelt: in Form von Tagebüchern, Fotos, Briefen oder Notizen usw. Die meisten dieser Lebenszeugnisse verschwinden nach dem Tod einer Person im Müll oder in den Schubladen der Hinterbliebenen. Nur manche werden später doch veröffentlicht, posthum und weil der entsprechenden Person eine gewisse Aufmerksamkeit im öffentlichen Leben zukam oder weil sie Zeuge von geschichtlich relevanten Ereignissen war.

bigNOTWENDIGKEIT pusten den Goldstaub von Buchdeckeln & Zelluloid und inszenieren die Selbst-Inszenierung. Ein trauriger Weltstar, ein verschämter Intellektueller, ein glamouröser Revolutionär, eine Tagebuchschreiberin, die nicht nur Luft schaufeln will und ein gefeierter Schriftsteller, den es niemals gab, bringen Erzählungen in Gang, zeichnen Spuren nach und verdichten die autobiographischen Fiktionen ihrer selbst. Aus Stimmengewirr und Textfluten versuchen sie gemeinsam einen „idealen“ Lebensverlauf zu komponieren.

Für turn the page stöbern fünf DarstellerInnen in Tagebüchern, Bildern und Briefen und erforschen die dokumentarischen Spuren, die fünf andere Leben hinterlassen haben. Durch die Erzählung fremden Lebens untersuchen sie die Strategien und Mechanismen des Sich-Selbst-Erzählens.

In einer Zeit, in der die öffentliche mediale Selbstdarstellung einem fundamentalen Wandel unterliegt, wenden sich bigNOTWENDIGKEIT Selbstzeugnissen unterschiedlichster Art als Ausgangsmaterial zu und werfen damit Fragen der Selbstkonstruktion, der Selbstinszenierung und nach den Ingredienzien eines als gelungen empfundenen Lebens auf.

„Ich wäre nichts, wenn ich nicht schreiben würde. Indessen bin ich woanders als da, wo ich schreibe. Ich bin besser als das, was ich schreibe. “ Roland Barthes

Von und mit Esther Becker, Rosario Bona, Anna-Katharina Müller, Sahar Rahimi und Marcel Schwald. Im Theaterdiscounter.

Bei Einbruch der Nacht

12. November 2011

„Wir alle stürzen in jeder Sekunde auf unseren eigenen Tod zu.“

Vom Meer und vom Leben am Meer, davon handelt das Stück. Von den alten Bewohnern eines Fischerdorfes, die auf ein hartes, aber erfülltes Leben zurückblicken. Sie befinden sich im „Schwebezustand“ des Rentnerdaseins: Zwar sind sie ganz fröhlich und lieben und streiten sich in bester Walter-Matthau-und-Jack-Lemmon-Manier; sie sind in Kontakt mit ihren Familien und Freunden – aber „gebraucht“ werden sie nicht mehr, die Verbindungen zu den Menschen und den Dingen des Lebens werden flüchtiger. Manchmal fällt es ihnen selbst nicht leicht zu spüren, wozu genau sie noch da sind. Sie blicken hinaus auf das Meer.

Mit Wolfgang Jahn, Horst Warning, Katja Rogner und Henry Schneider.
Von TheaterschaffT. Im Theaterdiscounter.

Politische Zensur beim RBB

7. November 2011

Der RBB setzte gestern – nach 545 Sendungen – die wöchentliche „progressive Aktionsradioshow“ KenFM auf Radio Fritz ab. Mit Ken Jebsen, dem Produzent und Moderator der wöchentlichen Radiosendung KenFM, entledigt sich der ARD-Sender RBB der letzten politisch unbequemen Person des öffentlichen Rundfunks in Berlin. Nach einem Vorwand zur Absetzung der äußerst erfolgreichen und kurzweiligen vierstündigen Radiosendung hatte der Sender schon seit langer Zeit gesucht und fand nun offenbar endlich einen, der ekelhaft genug ist, um ihrem Namensgeber Ken Jebsen den Gar auszumachen. Aus dem Zusammenhang gerissene Zitate und der Versuch eines prominenten Journalisten, Jebsen einen antisemitischen Standpunkt nachzuweisen, reichten dazu aus, die letzten Stunden Wahrhaftigkeit sang- und klanglos aus dem Äther zu verbannen.

Nicht in allen seiner bislang 545 Sendungen war es Ken Jebsen gelungen, ganz und gar bei der Wahrheit zu bleiben und seinem selbstgewählten humanistischen Anspruch gerecht zu werden; gleichwohl nahm er es mit dem vielzitierten Kritischen Journalismus weitaus ernster als sämtliche seiner Kollegen und überraschte seine Hörer in jeder Sendung mit gut vorbereiteten, frei und forsch vorgetragenen Analysen, die in ihrer journalistischen, philosophischen und politischen Qualität das aus dem Rundfunk gewohnte Maß bei Weitem überstiegen. Nicht selten trat Ken Jebsen hierbei den Mächtigen aus allen Bereichen der Gesellschaft und gelegentlich auch seinen Hörern (un-) angenehm nah. Gesellschaftliche Verhältnisse zerpflückte er mit überwältigendem Scharfsinn, sezierte mal grob, mal fein säuberlich; Ungerechtigkeiten thematisierte er mit provokantem Elan und stritt dabei mit ebensolchem für die Würde des Menschen. Vehement nahm er Position gegen jedwede Rassismen ein; auch auf seine Haltung gegen Militarismus beharrte er noch bei schärfstem Gegenwind.

Die Absetzung der wohl sinnreichsten Radiostunden Berlins ist ein weiterer schockierender Skandal in der Geschichte der Unterdrückung des Rechts auf freie Meinungsäußerung und sie zeigt auf, dass freigeistigem Denken offenkundig die Macht zugetraut wird, an den bestehenden Machtverhältnissen ernsthaft zu rütteln – und genau dies möge uns dazu anspornen, es zu tun.

Auf Wiederhören, Ken!

Ostprinzessin

Ignoring my paparazzo.

1. November 2011

Schwarzes Café, 31.10.2011

Belassen wir einfach alles

31. Oktober 2011

TRUST. Hervorragend interpretiertes Tanzschauspiel von Falk Richter und Anouk van Dijk. Mit großartiger Musik, perfekter Choreographie und überzeugenden Metaphern.

Kritik vom letzten Besuch.

„Spielplan Deutschland“

29. Oktober 2011

Stellen Sie sich vor, Sie gehen ins Theater und alle Stücke, die an diesem Abend in sämtlichen Theatern öffentlicher Trägerschaft zwischen Aachen und Zittau zu sehen sind, werden Ihnen gezeigt. Die Schauspieler und Musiker springen von Genre zu Genre, Stadt zu Stadt, Inszenierung zu Inszenierung. Das ist Spielplan Deutschland! Die einzigartige Bühnensimultanschau macht es möglich, alle Theatervorstellungen Deutschlands eines Abends gleichzeitig zu sehen und den bundesweiten Kampf um den Kultur- und Bildungsauftrag der Theater hautnah mitzuerleben. Tagesaktuell!

Spielplan Deutschland ist Bühnenshow und Evaluierungssystem, das sich mit Faszination dem Status Quo des viel gescholtenen und viel gepriesenen deutschen Theatersystem annähert. Wie ist der Zustand des Theaters in Deutschland? Welche gesellschaftlichen Entwicklungen werden thematisiert und mitgestaltet? Spielzeitmottos aus den Spielzeitheften der Stadt- und Staatstheater werden auf ihre Einlösbarkeit und ihren Realitätsbezug vor Ort überprüft, neue Dramatik und Stückentwicklungen vorgestellt und zu einem neuen Bühnengeschehen verdichtet.

Mit Anette Daugardt, Armin Köstler, Jaron Löwenberg, Mareile Metzner, Jennifer Sabel, Sven Tjaben und Markus Rechtnefki. Von Anne Freybott, Heike Pelchen und Georg Scharegg. Im Theaterdiscounter.